Yohîl ist die zweitälteste Tochter der ehemaligen ylehischen Militärgouverneurin Quenadya Mezkarai. Sie wurde im ylehischen H'Anyarco im Beisein ihres Vaters, des weidenschen Ritters Marbert von Bärngrimmen, geboren, als bereits die ersten Anzeichen des kommenden Unabhängigkeitskrieges am Horizont dräuten. Anders als ihre damals zwei Jahre alte Schwester Ankhsa, die die Kriegszeiten im Schutze der Wälder Ahamis im Kreise der Familie überstand, verbrachte Yohîl die Zeit bis zum Friedensschluß im Jahre 15 S.G. im fernen Weiden. Quenadya und ihr Gemahl hatten beschlossen, das schwache, kränkliche Neugeborene dort in Sicherheit zu bringen, um der Familie nicht noch mehr Lasten aufzubürden, als sie in diesen schwierigen Zeiten ohnehin schon zu tragen hatte.
So nahm Ritter Marbert seine junge Tochter mit in den fernen Norden; auch er konnte nicht in Kemi bleiben, hatte sich das Reich doch von Gareth losgesagt, und bei aller Sympathie für die tapferen Südländerinnen und Südländer konnte der Ritter nicht umhin, sich auf seine Pflicht und Eide zu besinnen und den "Rebellen" den Rücken zu kehren. Im kalten Weiden verbrachte die junge Yohîl also die ersten Jahre ihres Lebens, umsorgt und geliebt von der warmherzigen Familie derer von Bärngrimmen. Nicht, daß Ritter Marbert seine Erstgeborene nicht geliebt hätte, aber Yohîl war das Kind der erwachten Liebe zu Quenadya, gezeugt und geboren in einer Zeit, in der die beiden so unterschiedlichen Charaktere erkannten, daß ihre aus politischen Gründen geschlossene Verbindung mehr beinhalten konnte als nur Pflichterfüllung. So nimmt es nicht Wunder, daß Yohîl anders als ihre zu ihrem Vater distanzierte ältere Schwester den weidener Recken in der bedingungslosen Liebe eines Kindes erhöhte. Schon früh lernte das Kind die oft erzählten Geschichten des Rittertums lieben, in denen Ehre, Pflicht und Tapferkeit die zentralen Tugenden der Helden und Heldinnen waren, und oft sah man die kleine Kemi mit Holzschwertern imaginäre Drachen und Schwarzmagier erschlagen.
Als die junge Yohîl im Alter von fünf Götterläufen zusammen mit ihrem Vater nach Kemi zurückkehrte und das Reich seitdem niemals mehr verlassen sollte, war aus ihr ein lebhaftes, temperamentvolles Kind geworden, das sogleich die Dominanz über ihre ältere Schwester, die zurückhaltende und schüchterne Ankhsa erlangte. Yohîl fiel es nicht schwer, sich wieder in ihre große, kem'sche Familie einzuleben, der kleine Wirbelwind verstand es durch seine offene Art, sich allenthalben beliebt zu machen. Alle mochten sie, und sie mochte alle, insbesondere ihre Schwester Ankhsa, die sie schon in diesen Jahren meinte vor allerlei Unbill schützen zu müssen, und ihren Großvater.
Auch in Kemi erlosch ihr Interesse für die großen Heldinnen und Helden der Geschichte nicht, und so verbrachte sie viel Zeit damit, den Geschichten ihrer Mutter und vor allem ihres Großvaters zu lauschen, die über den Heiligen Laguan und den Heiligen Kacha berichteten, über den großen Krieg und die doch so eindrucksvolle Geschichte des alten Kemi-Reichs. Der erneute Fortgang ihres vergötterten Vaters, der seine Gemahlin schwanger zurückließ, schmerzte sie sehr, und so suchte sie meist Zuflucht bei ihrem Großvater, der für das Kind auf einer Stufe mit Kacha und Laguan stand. Die kleine Yohîl sah in ihm eine der mythischen Heldengestalten des Reiches, und um so mehr mit Stolz erfüllte es sie, daß dieser Mann ihr Großvater war: Ein Held, der in schwierigsten Zeiten tapfer und ehrenvoll für seine Familie und den Thron gegen die widerwärtigen Verräter der Corvikaner und Paestumai gestritten hatte. Auch heute noch ist Boromil Mezkarai für Yohîl eine absolute Autorität, und auch heute noch erfährt er neben der Liebe einer verunsicherten Enkeltochter Verehrung, wie sie ansonsten nur den berühmtesten Helden zukommt...
Yohîls Vorlieben waren auch ihrer Mutter nicht verborgen geblieben, und bald schon überlegte Quenadya sich, welcher Lebensweg ihrer Zweitältesten denn am meisten zupaß kommen würde. Die Laufbahn einer Soldatin schien aufgrund der sehr selektiv ausgeübten Unterordnung des eigensinnigen Kindes ebenso ungeeignet, wie eine Karriere im Orden - dazu ließ die kleine Yohîl die nötige bedingungslose Hinwendung zur Religion vermissen. So wurde zu Yohîls Freude beschlossen, daß sie dereinst einmal in Marberts Knappschaft und später an des Vaters Seite die Weihe zur Ritterin erfahren sollte. Von diesem Tage an richtete die junge Frau ihre gesamtes Leben auf diese ersehnte Aufgabe aus. Freiwillig und unermüdlich übte sie sich mit dem Schwert und dem Morgenstern, lernte, den Schild zu beherrschen und vertiefte sich nächtelang in den Ehrenkodex der Ritterschaft. Durch die ständige, lange Abwesenheit ihres Vaters verzögerte sich der Zeitpunkt ihrer Knappschaft aber immer mehr, immer ungeduldiger wurde die junge Frau, doch schließlich schien den beiden Eltern der Zeitpunkt günstig. Nach dem Vertrag von Oberfels war das Kemi-Reich auch von Gareth anerkannt, und so schien es keine Hindernisse mehr zu geben, diesen Plan umzusetzen. Nur einmal noch wollte Marbert auf eine Queste zum Ruhme seines Landes gehen, dann würde er wiederkehren, und seine Tochter zu einer Ritterin machen, die dereinst einmal in den Liedern der Barden besungen werden würde. Nur einige, wenige Monde wollte er fort, denn ein Krieg war ausgebrochen: Im fernen Tobrien...
Für Yohîl war der Tod ihres geliebten Vaters im Krieg gegen die Borbaradianer ein traumatisches Erlebnis. Nicht nur hatte sie den Menschen verloren, den sie am meisten geliebt hatte, auch all das, was sie sich ersehnte, schien in weite Entfernung gerückt. Ihre Pläne für die Zukunft, die sie so beharrlich und begeistert verfolgt hatte, schienen zu Staub zerfallen. So war sie lange, trotz der großen Liebe, die sie von ihrer Familie erfährt, tief im Inneren verbittert und ratlos, was bei ihrem Temperament häufige Wutausbrüche, Respektlosigkeit, ausfallende Rede und Gewalttätigkeiten provozierte, für die sie sich hinterher zwar schämte, die aber noch mehr ihre Orientierungslosigkeit verstärkten. Yohîl bedauerte es aufrichtig, wenn sie sich einmal mehr vergessen hatte und ihrer Mutter und ihrer Familie Kummer bereitete, doch in ihr wüteten Wut und die Trauer wie wilde Tiere, und auch ihre Mutter schien mehr und mehr ratlos, wie sie mit ihrer zweitältesten Tochter umgehen soll.
Als schließlich nichts mehr zu helfen schien, griff Großvater Boromil ein. Er vermittelte seine Enkeltochter nach Chrysemis an den Hof des damaligen Hátya Rodrigo con ya Sermo, und dort, in der Obhut des "Güldenen Ritters" absolvierte Yohîl eine Knappschaft, in der sie nicht nur zu kämpfen lernte, sondern auch, wie sie ihre inneren Dämonen besiegen konnte und auch, nach den ritterlichen Tugenden zu handeln und zu leben. Und so war es der stolzeste Tag in ihrem Leben, als sie durch ihren Lehrmeister den Ritterschlag entgegennahm. Wenige Wochen danach brach sie gen Norden auf, um in Tobrien Rache zu nehmen an den Mördern ihres Vaters und denen, die die göttliche Ordnung lästern.
von Perry Steven