Neue Erkenntnisse über die ylehische Kirche

Nun, nach 50 Jahren intensiver Forschungen, zahlloser Expeditionen in den dampfenden Dschungel zu den heiligen Plätzen der Catco und unzähligen Stunden in den weitläufigen Archiven des Klosters Al'Areal, in dem fast die gesamte Geschichte Ylehas in Tausenden von Schriften nachvollziehbar ist, nun endlich ist ein weiterer Schleier von der mystischen Entstehungzeit Ylehas genommen. Bruder Gu'janô Bíl'jeôt von Al'Areal, oberster Bibliothekar und einziger Kirchenhistoriker von Yleha hat nun sein Lebenswerk vollendet. In 10 Bänden, allesamt in feinstes Iryanleder gebunden, jede Pergamentseite mit der engen, zierlichen Schrift des Bruders beschrieben und mit kostbaren Illustrationen versehen, steckt das gesamte Wissen über Vergangenheit der ylehischen Boronsverehrung. Doch die Bücher sind viel mehr als eine bloße Aufzählung von dem, was sowieso schon bekannt war, denn Bruder Gu'janô hat es gewagt, die bekannten Lehren in Frage zu stellen und ist so auf ganz neue Erkenntnisse gestoßen, die endlich die vielen offenen Antworten auf das "Warum" in der ylehischen Kirche liefern.
Bruder Gu'janô wird nun eine kurze und verständliche Zusammenfassung über seine wichtigsten Erkenntnisse abgeben.

"Nun, um meine Forschungen zu verstehen, muß ich erst einmal genau erklären, was ich erforscht habe. Es ist nicht so, daß ich der gesamten Geschichte nachgespürt habe, doch die Frage, warum in meiner Heimat noch vor wenigen Jahrzehnten Boron auf andere Art und Weise verehrt wurde, als zum Beispiel im Nistutreich, machte es unvermeidlich, die Geschichte nach der Antwort zu durchforschen. Und ich wurde fündig!
Zuerste will ich berichten, was die Unterschiede in beiden Religionen, und es handelt sich hierbei um zwei unterschiedliche Religionen, waren. Wer sie heute vergleicht, wird äußerlich kaum einen Unterschied ausmachen können, da schon lange vor dem segensreichem Beitritt meiner Heimat zum Nisutreicht begonnen wurde, die religiöse Kultur anzugleichen. Dieser schleichende Prozeß begann wohl mit dem ersten schweren Überfall der Al'Anfaner auf meine Heimat und ist zur Zeit noch im Gange, was sich jedoch nicht verurteile, denn steter Wandel und vor allem die Anpassung an die jeweilige Zeit sind notwendig für eine Religion... aber ich schweife ab!
Wie schon gesagt, gibt es heute kaum noch Unterschiede zwischen der Verehrung der heiligen Raben in Kemi und in Yleha, auch wenn einzelne Riten und Gebetstexte in meiner Heimat auf eine andere Zeit hindeuten, in der der heilige Rabe noch weiß und die kultischen Handlungen vor allem von lockerer, ungezwungener Fröhlichkeit und nicht von glühenden Eifer bestimmt waren und schon vor den ersten Ylehi von den Eingeborenen, den Catco in ähnlicher Weise vollzogen wurden. Dies sind auch schon die drei Hauptunterschiede, die es zwischen den beiden Kulten gab und die in Resten noch heute bestehen. So zeigt das Wappen Ylehas noch heute, auch wenn es wegen der politischen Situation kaum noch benutzt wird, einen weißen Raben auf schwarzem Grund. Dies ist keine, wie lange Zeit geglaubt, einfache, heraldische Farbinvertierung ohne weiteren Sinn, sondern hat einen ernsthaften, religiösen Hintergrund. Über ein Jahrtausend lang, wurde Boron in Form eines weißen oder silberne Raben, in früheren Zeiten sogar in Form eines mystischen, nicht näher bestimmbaren Vogels angebetet.
Der mystische König Tén'asch, der vor fünfhundert Jahren das Königreich Yleha im göttlichem Rausche vom zusammenbrechenden Stammland Kemi friedlich getrennt, und dann eine eigene, die ylehischen Kirche erichtet haben soll, hat meinen Forschungen nach wahrhaftig existiert, doch sind die Wundertaten, die ihm unterstellt werden, wohl nichts anderes als Märchen. Bewiesen ist jedoch, daß er der erste, und weitaus mächtigste König der Ylehi war und zusammen mit seinem Bruder, dem Hohepriester Ta'nîkrot'h das neue Königreich geordnet, befestigt und lange Zeit regiert hat. Ta'nîkrot'h soll zudem die Religion vereinheitlicht, in ihrer späteren Form ausgereift und die ersten klassischen, ylehischen Tempel gegründet haben, der Haupttempel war wohl das heutige Kloster Al'Areal. Fundstücke, alte Schriften und erhaltenden Zeichnungen unterstützen diese Behauptungen dermaßen, daß Ta'nîkrot'h ohne weiteres als Vater des klassischen, ylehischen Boronkultes, der aus dem Lehren von Peri I. hervorgegangen war und fast ein halbes Jahrtausend neben ihm existierte, bezeichnet werden kann.

Von beiden Brüdern existieren heute nur noch Legenden, die durch historische Belege zum Teil verifiziert, zum Teil widerlegt werden. Das mystische Grab von Tén'asch, das noch heute von seinem Bruder Ta'nîkrot'h und durch Generationen von auserwählten Wächtern bewacht werden soll und auf der Insel Ta' Hôthka vermutet wird, wurde bis heute nicht gefunden.

Der heilige Rabe oder Vogel wurde mit fröhlichen Festen vor allem als Schlaf- und Traumbringer verehrt, er war jedoch auch der Hüter über Rauschkräuter, Rum und andere berauschende Dinge, über Tanz und Fröhlichkeit und über die Ekstase, die als eine Art Wachtraum galt. Enthaltsamkeit, spezielle Meditationen und durch spezielle Tränke hervorgerufene Traumlosigkeit galt dagegen als Reinigung und Selbstgeißelung, so soll zum Beispiel Ta'nîkrot'h die göttlichen Vorgabe zum Standort des heutigen Klosters Al'Areal erst erhalten haben, nachdem er zwei Wochen in einer Höhle gewacht, gefastet und meditiert hatte. Und noch heute ist es in Al'Areal üblich, Novizen vor der Weihe einen Tag und eine Nacht lang meditieren zu lassen.
Unter dem weißen Raben existierten die anderen elf Götter, sie waren jedoch niemals so hoch geschätzt wie er. Dazu gab es noch diverse Nebengottheiten, allesamt Tiergeister, die zum größten Teil aus den Naturreligionen der Catco übernommen wurden. Sie ordneten sich ebenfalls dem weißen Raben, als König der Geister und Träume unter. Die wichtigsten unter ihnen waren Galâ-tuk Meh'a, die Schattenkatze, die Krieg und gewaltsamen Tod, aber auch Würde und Mut verkörperte und als Vollstreckerin des weißen Rabens geachtet war, Ta'ah'a, die blaue Echse, die Fleiß, Klugheit, Frömmigkeit und Friedfertigkeit verkörperte und die im Wappen der Königsfamilie zu finden war und Na'tûm, der unsichtbare Affe, der den Feldern und Menschen die Fruchtbarkeit brachte und ihnen das Lachen lehrte.

In meiner Heimat ist der Tod noch heute nicht viel mehr als ein ewiger Schlaf, bei dem das geführte Leben durch süße Träume oder schreckliche Alpträume entlohnt wird und bei dem der Körper zerfällt, um der unsterblichen, träumenden Seele den Zugang zur Wiedergeburt oder zum Paradies zu ermöglichen. Demnach ist es logisch, daß nur besonders verdienten und wichtigen Personen sowie Sündern und Verbrechern eine Mumifizieren zuteil wurde. Letztere mußten auf ewig ihre strafenden Alpträume erleiden, da ihr Körper vor dem Zerfall geschützt und ihre Seele so gefangen war, Erstere sollten ihre lohnenden Träume so lange wie möglich genießen, bis die absichtlich unvollständige Mumifizieren doch noch zum verzögerten Zerfall und somit zur Freigabe der Seele führte.

Doch all dies war schon mehr oder weniger bekannt und die Frage, warum ein weißer Rabe als Gott der Träume angebetet wurde, konnte noch nicht beantwortet werden. Dazu muß ich weiter in die Vergangenheit und in die Mythen der Catco, jenes Wildenstammes, der als einziger in Yleha lebt und schon vor den Weißen gelebt hat, bildlich gesprochen, zurückreisen, da aus einer Zeit vor Ta'nîkrot'h keine aussagekräftigen Zeugnisse von Nichtcatco erhalten sind. Nach einer Legende der Catco, in der übrigens auch Ta'nîkrot'h und sein Bruder benannt werden, siedelten vor der Gründung des Königreiches Seefahrer aus fremden Landen und Kemi an der Küste der bucht von Yleha und bauten dort zwei Städte auf: Yleha und das untergegangene Shilaya. Bald darauf trafen die ersten Missionare auf die Catco und waren sogleich von einem ihrer Götter verzückt, meinten sie doch, in Par'Parwis'nar, dem weißen Traumvogel ihren Gott Boron wieder zuerkennen. Die Catco freuten sich ihrerseits auch, als ihnen gesagt wurde, daß Boron ihr Traumvogel sei und empfingen die Siedler daraufhin mit offenen Armen als Brüder auf ihrem Land. Die Ylehi verschmolzen mit der Zeit die beiden Religionen und Götter zu ihrem Hauptgott.

Somit sind nun die drei wichtigsten Fragen in der Geschichte der ylehischen Kirche geklärt, der heutige, heilige weiße Rabe Ylehas stammt von einer Catcogottheit ab, daher ist er weiß, vor allem der Gott der Träume und wird auch von den Wilden verehrt. Damit schließe ich meinen kurzen Bericht, der nur die Oberfläche meiner Erkenntnisse ankratzen konnte und doch einen tiefen Einblick in die Geschichte meiner Heimat gewährt hat, in eine Geschichte, die weder von den blutigen Al'Anfanern, noch von den neuen Brüdern aus Kemi oder von gierigen da Vanchas in Vergessenheit gestoßen werden konnte und nun auch nie wieder vergessen werden kann, da ich sie aus der Umklammerung der dunklen Vergangenheit gerissen und in meinen Büchern aufgeschrieben habe."

Wir bedanken uns bei Bruder Gu'janô und wünschen ihm noch ein langes, erfülltes Leben.

von Bettina Wiese

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