Tiefschwarze Wolken zogen langsam über das Land, unentwegt damit beschäftigt ihren nassen Inhalt über Yah'Kesen zu ergießen.
U´Rave zog die Kapuze seines blau gefärbten Umhanges tief ins Gesicht. Als er wortlos von seinem Pferd abstieg und die Zügel einem der Bediensteten, die bereits auf seine Ankunft warteten, mit einem kurzen Nicken überreichte. Dann schritt er den langen Kiesweg hinauf, vorbei an den unzähligen Drachenstatuen die entlang des Weges aufgereiht standen. Er hielt für einen kurzen Augenblick inne … als kleiner Junge hatte er oft mit seinem Bruder Neme'choth hier auf diesem Weg gespielt. Der jüngste Sohn des T'aar erinnerte sich noch gut daran, wir er schier unzählige Male versucht hatte, den Kopf einer dieser Statuen zu erklimmen und immer wieder abgerutscht war. Er dachte an den Schmerz, der ihn getroffen hatte, als er einmal vom Flügel herab gefallen war und das nur weil sein Bruder ihn mit einigen Steinen beworfen hatte. Neme'choth wollte um jeden Preis vermeiden, dass es U´Rave als erstem gelang, dieses Hindernis zu überwinden. In Gedanken versunken hielt der Kemi sich den linken Arm, an zwei stellen war er gebrochen gewesen und das hatte er seinem Bruder zu verdanken.
U'rave lachte innerlich; ja … so war sein Bruder halt, unbeherrscht und jähzornig und wenn er ehrlich war, dann musste er zugeben, dass Neme'choth sich in der ganzen Zeit kaum verändert hatte.
Der Blick der jungen Hemet-Hátya Ni Mer'imen fiel auf einen jungen Mann, nicht viel älter als zwanzig Götterläufe zählend. Sein glattes Haar fiel ihm auf die breiten Schultern, ein leichter Schimmer wie von reinem Stahl lag auf den ansonsten nachtschwarzen seidigen Wellen. War es sonst zu einem Zopf geflochten, so trug der Kemi es nun offen, bis zwischen die Schulterblätter fallend. Chem'ra dachte schmunzelnd daran, wie er früher immer die Bedienstete Lenara genötigt hatte, ihm die Haare zu flechten.
Er trug Gewandung aus Seide und Brokat, ein Hemd war es, von schlichtem Schnitte und und kaum verziert. Er hasst solchen Schnickschnack, diesen Tand, wie ihn die Horasier pflegen. Und doch … die kräftigen Schultern wurden durch dieses Hemd mehr offenbart, denn verhüllt. Sie bebten darunter und Chem'ra unterdrückte den Drang, ihre Hand auf sie zu legen, um die Stärke zu spüren. Der Oberkörper des jungen Mannes war kräftig, durch zahllose Übungen und Betätigungen gestählt. Er war … beeindruckend… ja, beeindruckend.
In der Hüfte hielt ein breiter schwarzer Gürtel nicht nur die Beinkleider aus schwarzem Iyranleder, welches dem jungen Kemi die Aura eines wilden, wüsten Mannes verlieh. Der Gürtel hielt auch die Scheide eines Schwertes, einzig dessen Griff ragte hervor und zeigte deutlich den Rubin, der als Knauf diente. In diesem Moment glitt die kärftige, große Männerhand zum Griff, spielte am Knauf und legte sich dann darum. Es war eine instinktive Bewegung, die eines geübten Kriegers, der ein Schwert zu führen weiß.
Er wandte sich um, seine nebelgrauen Augen trafen die ihren. Sie waren gefasst, und doch stand der Hochmut in ihnen. Der Hochmut eines jungen Mannes, der sich unsterblich und unbezwingbar glaubt und mit diesem Glauben Berge versetzt in seiner Leidenschaft. Das gesicht war fein geschnitten, die Nase gerade und von königlichem Antlitz. Er war ein kemi, das sah man. Ein reiner Kemi, nicht verdorben durch das Blut der chesti, denn er war der Sohn des T'aar und sein Blut war unverdorben.
Und der Stolz auf dieses Erbe lag in seinen Zügen …
Geboren im Jahre 7 Sah Géreh als jüngerer Zwilling seines Bruders Neme'choth weissagten ihm schon die Sterne eine aufregende, doch ungewisse Zukunft. Und ungewiss war sie wirklich, denn die Geburt gleich zweier Söhne kostete seiner Mutter Nef'karé viel Kraft … und das Leben. Nef'karé, die treue Mutter aller Morganor, hinterließ nicht nur ihren Gemahl sondern auch viele leibliche Kinder, von denen zwei noch Säuglinge waren.
Doch schnell ward eine Amme gefunden, die sich ihrer annahm und so überlebten Neme'chôth und U'rave.
Mehr noch, sie gediehen förmlich und während Neme'chôth schnell Gefallen an Zahlen fand, schwang der kleine U'rave das Holzschwert - und nebenbei kletterte er auf jede Drachenstatue auf dem Nep'amar. Denn wie sagte sein Vater noch, nachdem Klein-U'rave eine Geschichte über Ritter und Drachen gehört hatte: "Drachen werden nicht erschlagen, sie werden bestiegen, damit sie jemanden an weit entfernte Orte tragen." Doch leider erwies sich jeder Drache, den U'rave bestieg als des Fliegens faul …
Als U'rave alt genug wurde, ein richtiges Schwert zu halten, wurde er der Obhut des alten, aber immer noch starken Setchet'ankh unterstellt. Der Mann war ein höchst angesehenes Mitglied der Sh'kara und ein fähiger Kriegsherr, der das Interesse des jungen Kemi an Schlachten und heldenhaften Kämpfen in die richtigen Bahnen lenkte. Doch Setchet'ankh war mehr als sein Mentor, er war sein Leibwächter und Beschützer.
Denn die Wirren des Unabhängigkeitskrieges zogen über das junge Reich und alle noch unmündigen Nachkommen eines jeden Morganor wurden in das schwer zugängliche Hügelland der heutigen Laratusaî gebracht. Dort waren sie sicher vor den Schergen der Al'Anfaner, die sich im Nep'amar einnisteten.
Diese Zeit erwies sich als günstig für die Ausbildung U'raves, denn er lernte schnell - nicht nur mit dem Schwert und dem Bogen zu fechten, sondern auch vieles über die Geschichte der Kemi, über das Wirken des Heiligen Raben und vielerlei mehr, über das ein Prinz aus eelstem Hause wissen muss.
Mit seiner Mündigkeit im Jahre 19 Sah Géreh wurde er als vollwertiges Mitglied in die Kaste der Sh'kara aufgenommen - doch er war mehr als ein Söldner der Morganor …
U'rave wurde immer als der jüngste Sproß Calzins angesehen. Oboto war der Nachfolger des T'aar, so war es sicher, und selbst bei dessen Vermählung rückte U'rave nicht ins Licht der Familie. Carylio war ebenfalls da und Neme'chôth auch noch. So widmete sich U'rave seiner Ausbildung als Ritter der Morganor, kümmerte sich um die Pferde und die Waffen.
Doch nicht für lange, denn das Jahr 28 Sah Gereh brachte eine Wendung für ihn, der doch eigentlich das Schwert der Familie sein wollte: Nicht nur, dass Oboto verstarb, nein … U'rave wurde auch als Gemahl für die Imát Ni Memento Mori auserkoren. Kurz darauf wurde die Hochzeitszeremonie durchgeführt und U'rave - gerade U'rave, Krieger der Morganor, Meister des Schwertes - sah sich in der Situation, die Tochter eines stolzen, altehrwürdigen Hauses zur Gattin zu nehmen. Mehr noch: Die Äbtissinprima von Memento Mori, Schwester des Ordens, eigensinnig, von starkem Willen und harter Faust. Ein schwerer Brocken für den jungen Morganor war es … doch er beugte sich der Entscheidung seines T'aar.
Ebenso wie er es Monde später tat … und auch dies, obwohl es eine überraschende Wendung für U'rave war. Carylio war dereinst T'ar gewesen und wollte es wieder werden. Borodrigo war verbannt, Neme'chôth Augenblicke älter als U'rave und ein fähiger Kaufherr ( wenngleich ihn gewisse Gerüchte umgaben … ) und doch … Calzin Morganor tat seinem jüngsten Sohne in einer familiären Besprechung kund, dass es künftig an ihm sei, den Thron Chanuras zu besteigen und in ferner Zukunft T'aar der Morganor zu sein …
U'rave sah sich geradezu gezwungen, nicht mehr nur das Eisen des Schwertes zu führen, sondern auch das Gold der Münzen. Obzwar ein Sh'kara, so sagte er sich selbst, als kommender T'aar müsse er sich auch mit Zahlen und Geschäften beschäftigen.
Doch möge - so sagte er sich und seinem Vater - dieser Tag in weiter Ferne liegen. Woraufhin der alte Kemi ihm nur grinsend antwortete: "Mein Sohn, für diesen Fluch wird dich so mancher erwürgen wollen."
von Nils Mehl