Tanîth Pâestumai

Sah Ni Zut'hedsh

Der im Jahr 30 S.G. im Alter von 87 Götterläufen verstorbene Tanîth Pâestumai, Vater Pasquas, Boronîans und Laudînes und ehemals greises Oberhaupt der Pâestumai-Sippe, galt gemeinhin als einer der reichsten Männer des Kemi-Reiches. Sein beachtliches Vermögen fundierte in erster Linie auf dem Besitz riesiger Rauschkraut-, Tabak- und Maniok-Plantagen von Frencaal bis Djerniako, wie auch auf seiner Pferdezucht. So stammen zum Beispiel die meisten schnellen Rappen des Laguaner-Ordens, die einzigen, die das schwüle Klima des kem'schen Dschungels offenbar auch über längere Zeit vertragen, aus seinem Gestüt, was er sich von der Staatskirche auch vortrefflich entlohnen läßt. Auch nach der Ächtung der Sklaverei mit Thronantritt Ihrer keminisutlichen Majestät fanden seine Werber in den schmutzigen Gassen Khefus und andern Orts noch genügend verzweifelte Existenzen - aus allen Teilen Aventuriens angeschwemmter Abschaum -, die willig sind, für einen halben Hedsch am Tag zu schuften, und auch nach seinem Tod sorgen die erbarmungslosen Plantagenaufseher gegebenenfalls mit deutlichem Nachdruck dafür, daß bei der Arbeit keiner den gebotenen Eifer vermissen läßt. Heute arbeiten diese Menschen nicht nur auf den genannten Rauschkraut-, Tabak- und Maniok-Plantagen, sondern auch auf zahlreichen Reis- und Hirsefeldern, welche die Familie neuerdings immer mehr bewirtschaften läßt.
Doch die größte Zahl der dem altehrwürdigen kemschen Haus Pâestumai Verpflichteten findet sich in den zahlreichen Klienten, die über ganz Tárethon und ehemals auch Terkum verstreut sind. Nicht nur seine eigene Familie lenkte und bestimmte Tanîth wie ein Patron und Patriarch, sondern auch zahlreiche kleinere Bauersfamilien, ja sogar Großgrundbesitzer, die einst eine plötzliche Not in die gierigen Arme des Greises getrieben hat. Zwar erfüllt Tanîth seine Aufgaben als ihr Patron, denn Not mußten sie fortan nicht mehr leiden, doch fordert er ebenso konsequent die Verpflichtungen seiner Klienten gegenüber dem Haus ein. Einige Patron-Klient-Verhältnisse bestehen schon seit Generationen, insbesondere in den Stammlanden der Familie.
Schon vor dem Ausbruch der Epedemie in Khefu siech da nieder liegend, blickte der alte Tanîth seitdem mehr denn einmal in Borons Schattenreich, das ihn offenbar noch nicht erwartet, sondern nur schrecken wollte. Doch war Tanîths Zustand nur wenigen bekannt, verließ er seit seiner erfolglosen Secha-Kandidatur den weitläufiges Familiensitz - die Arx Pallida - nur noch in einer Sänfte, die meist gut begleitet und bewacht war. Auf Arx Pallida selbst, wundert sich die zahlreiche Dienerschaft über die neuerliche Vitalität ihres Patrons und Tyrannen in seinen letzten Lebensjahren, welche ihn nach der erfolgreichen Vermählung seines Sohnes, dem Hátya Ni Tárethon, und Chem`rá Morganor, weiter am Leben hält. Nicht unbedingt zum Wohlgefallen aller im Káhet, begruben sich doch damit die Hoffnungen auf ein Ende des Patriarchen. Allein nach Vollmondnächten wirkte der Greis matt und erschöpft und ließ sich meist nicht in den weitläufigen Räumen des Anwesens blicken. Doch niemand weiß, warum...
Als Tanîth vor über achzig Götterläufen auf dem Stammsitz der Familie als erster Sohn von Ghulam Pâestumai und Milahene Morganor geboren wurde, hätten sich vermutlich nicht einmal seine Eltern den Erfolg ihres Sohnes vorstellen können. Seine Jugend und Ausbildung verbrachte Tanîth im Reich und erlebte so am eigenen Leib die Zeit der brabaker und neu-reichischen Besatzer bis hin zum Unabhängigkeitskrieg gegen die Al`Anfaner. Doch trotz aller Abneigung gegen die fremden und "kulturlosen" Nordländer, verstand es Tanîth immer, sich mit den Besatzern zu seinem eigenen Nutzen, der gleich dem Nutzen seiner Familie ist, zu arrangieren.
Seine Ehe und Liebe zu seiner Frau, Madalena Maiori, dauerte nur wenige Götterläufe lang. Drei Kinder gingen aus hier hervor, doch das geschenkte Leben konnte den Schmerz bei ihrem Tod nicht mindern. Seitdem widmet sich Tanîth einzig dem geschäftlichen Erfolg und Gewinn und das ohne Rücksicht auf eventuelle Verluste oder Grenzen.
Zwei weitere Brüder, von denen einer noch im Kindesalter durch den Angriff eines Panthers starb, und eine Schwester besaß Tanîth. Aus der Linie seines jüngeren Bruders stammen Djedêfre Awapet, Ned'jem und Pasqua Tanîth d.J. Pâestumai. Seine Schwester, Imhotep Pâestumai, war ein ganz und gar unrühmliches Schicksal beschieden, denn sie brach mit der uralten Tradition und heiratete außerhalb der altem kem'schen Häuser einen "Wilden". Angeblich bezahlten beide dies mit ihrem Leben. Ein weiteres Kind seines jüngeren Bruders, Phexidio Pâeztumay, heiratete nach Brabak ein, wo deren zahlreiche Nachkommen heute einen Großteil des Einflusses im Königreich sichern. Einer seiner Großneffen - Ramon Tá`Chetpêt Pâeztumay - und seine Frau, Dona Yvonna Jesabela, leiten mit Erfolg das Kontor der Familie in Brabak. Eine andere Nachfahrin der Brabak Linie kehrte nach der Unabhängigkeit ins Káhet zurück, heiratete einen Kemi und lebt heute mit ihrer Familie als Privatgelehrte in der arcanen Kunst in Ireth.
Tanîth war der letzte Überlebende seiner Generation, doch tragen zahlreiche Kinder das Blut des Hauses weiter, die aber nicht alle bekannt sind. Viele starben als Folge des Boronstag Massakers und während der Zeit der Corvikaner.
Beigesetzt wurde das greise Familienoberhaupt im engsten Kreis der Familie neben seiner Frau in der Familiengruft auf Arx Pallida.

von Stefan Tschierske und René Böcker (Version 30 S.G./2002)

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