AKTUELL - SERIÖS - UNPARTEIISCH - UNBESTECHLICH

- aus unserer Exilredaktion in Al'Anfa -

WAHRE Berichte über den kem'schen "Adel"

Tour de Aventurien

- Teil I -

Merkem bei Nacht - In einem schwach erleuchteten Zimmer, bei blakendem Kerzenschein, saßen drei Männer schweigend an einem schweren Mohagoniholztisch und starrten angestrengt auf eine Karte.
Ein dumpfer Fausthieb, gleich einem Donnerschlag, zerbrach die Stille und erschütterte die zerbrechlich wirkenden Teetassen auf dem Tische. Dann erschallte die Stimme des Neset: "Es langt! Es muß ein Zeichen gesetzt werden. Jetzt und hier!" Sein Finger fuhr, gleich eines herabstürzenden Falken, auf die Karte hernieder. Die beiden anwesenden Akîbs schauten sich fragend an, zuckten gleichzeitig mit den Schultern und dann warf Tiamar zögernd ein: "Verzeiht, wenn ich Euch unterbreche, aber die Stadt auf der Euer Finger, heilig, heilig, ruht, ist Gareth."
"Woscht! Ketzer sind überall!".
Nun schaltete sich auch T´Kem in das Gespräch mit ein: "Aber wollten wir nicht gegen die Schergen Borbarads kämpfen?"
Der Neset, mit einem suchenden Blick auf die Karte gerichtet, erwidert hierauf: " Na gut, aber wo liegt denn nun eigentlich dieses Glorania?"
"So genau wissen wir dies auch nicht, werter Neset, aber wenn wir erstmal im Norden sind, können wir uns sicherlich dorthin durchfragen."
"Dann keine Zeit verschwendet, wir brechen sofort auf. Wir nehmen meinen Streitwagen, da ist genug Platz für uns drei, und vergesst die Fahnen nicht."
Wieder ein stummer Blickwechsel der beiden Akîbs, dann ein Schulterzucken auf beiden Seiten und schließlich in leiser Resignation T´Kem: "Er befiehlt, wir folgen."
"T´Kem, Ihr holt die Waffen. Tiamar, Ihr sorgt für den Proviant und ich verabschiede mich von meiner geliebten Gemahlin." Dann etwas leiser, leicht errötend: "Gebt mir bitte ein Sandührlein Zeit...".
Wieder der stumme Blickwechsel, dann das bekannte Schulterzucken, bei den beiden Akîbs.

Anderthalb (!!!) Sandührlein später fuhren drei schwarz gewandete Gestalten in stummer Entschlossenheit, auf einem Streitwagen in die laue Dschungelnacht Kemis hinein gen Norden. Dann konnte man die Stimme des Neset hören, der leise träumend vor sich hin sang: "Merkemer Nächte sind lang, tamtamtam. Merkemer Nächte sind lang, tamtamtam. Erst fang´se ganz langsam an, tamtamtam, aber dann, aber dann...".
Ein anwesender Beobachter des Geschehens, hätte glauben können, in den leisen verwehenden Tönen des Liedes, das Drehen der Köpfe, die Intensität des Blickwechsels und das Zucken der Schultern der beiden Akîbs zu vernehmen. Schließlich erschallte die Stimme des Neset noch einmal lauter: "Denkt daran, nur das Zeichen zählt!".

Fortsetzung folgt...

(RSC,HOD,MAG)

Tour de Aventurien

- Teil II -

Kurz nach der Überquerung des Mysob - Was bisher geschah: Vor kurzem beschloß eine mutige Gruppe bestehen aus dem Neset ni Terkum, dem Akîb ni Rekmehi und dem Akîb ni Dju´imen, daß es an der Zeit sei, ein Zeichen gegen die Bedrohung Aventuriens durch Borbarad und die Schwarzen Schergen zu setzen. So beschloß man, nach Glorania zu Reisen, weil man gehört hatte, daß dort ein Dämonenreich liegt. Wo oder was dieses Glorania ist, weiß man zwar nicht, aber durch die Führung Borons hofft man irgendwie doch dorthin zu kommen.
Kurz bevor die drei "Helden" die Grenze zu Brabak überqueren wollten, hatten sie noch Seijan, die Sahet ni Lofran, mitgenommen, die mit einem "Hauptsache weg... am liebsten über Belhanka"-Schild als Anhalterin im enganliegenden, neckisch geschnittenen Iryanleder-Kostüm mit Peitsche am Straßenrand stand und mit Daumen und weiblichen Reizen versuchte eine Mitfahrgelegenheit zu finden. So gestärkt, durchfuhr man dann die Grenzsperren nach Brabak und nahm Kurs nach Norden. Etwas später überquerte man schließlich den Mysob und mußte, wie das nunmal bei Boronis ist, schlußendlich rasten, um eine lange Meditationszeit zum Herren Boron (in anderen Teilen Aventuriens auch 'Schlafen' genannt) einzuhalten. Als man dann am Morgen aufstand, fand man neben dem Neset, der in strenggläubiger Glücksseeligkeit mitten während der letzten Wache ein inniges Gebet zum Götterfürsten schnarchte und dabei ein leises "nur das Zeichen zählt", murmelte, auch eine Gruppe von Waldmenschen vor, die das Lager umstellt hatten.
"T´Kem, schaut einmal, diese freundlichen Waldmenschen! Und was für tolle Farben die im Gesicht haben!", sprach Seijan.
"Freundlich? Tolle Farben?" T´Kem dachte bei dem Anblick der Wilden an den Metzger aus seinem Dorf, der auf beunruhigende Weise nach einer Schlachtung aussah, wie diese Wilden nun vor ihnen.
"T´Kem, weckt Ihr doch schonmal den Neset. Ich kann mich mit ihnen verständigen, das sind Rekas, da bin ich mir sicher", sprach der Akîb ni Rekmehi.
Ein halbes Sandührlein später sah man alle vier Kemis, nun fachmännisch mit Seilen zu einem hübschen Knoten verarbeitet und jeweils mit einer Stange verbunden, die von zwei Waldmenschen getragen wurde, unter freundlichen Gesängen in deren Dorf einkehren.
"Ich kann mich mit ihnen verständigen?!? Ich kann ja ihre Sprache?!? Na, da fällt mir aber ein Stein vom Herzen." T´Kem schaute seinen Stangennachbar mit vorwurfsvollem Blick an.
"Naja, ich konnte ja nicht ahnen, daß es keine Rekas sind und daß man meine Worte als Beleidigung auffassen könnte."
Die Sahet ni Lofran wandte leicht den Kopf: "So viel Spaß hatte ich nicht mehr, seit ich in Al'Anfa im Dienste der Rahja in Ketten stand. Tiàmar, glaubt Ihr, ich kann diesen gut gebauten Krieger da vorne haben? Den mit dieser herrlichen Deko?" Ein Kopfnicken wies in Richtung des mächtigen Häuptlings, der seine Schrumpfköpfe lässig über die Schulter gelegt trug.
"Ich glaube nicht, daß jetzt die richtige Zeit für einen Kampf gekommen ist", sprach der Akîb ni Rekmehi, doch schon als er die Worte aussprach, war ihm klar, daß die Sahet etwas ganz anderes meinte, und die Röte schoß ihm ins Gesicht. Doch noch bevor er weiter reden konnte, rief die Rahja-Geweihte schon in Richtung des Häuptlings: "Huhu. Huhu. Ja, Ihr da. Genau der mit dem frechen Federschmuck und dem Schrumpfkopf, der genau wie unser Boronfried aussieht!" Keck lächelte sie ihn an, spitzte die Lippen und wackelte, so aufreizend, wie das im hängend gefesselten Zustand möglich ist mit den Hüften, daß die Moha-Träger Mühe hatten, die Stange noch festzuhalten.
Ein weiteres halbes Sandührlein später...
Seijan hatte gerade den Häuptling an einer Stelle gepackt, die dem armen Tiàmar die Schamesröte ins Gesicht und den übrigen Versammelten die Tränen in die Augen trieb, und zog ihn hinter sich her in die Häuptlingshüte. Die drei Männer standen gerade wieder um die Karte herum und diskutieren über den weiteren Reiseverlauf als der Neset hochfuhr. "Kem´sche Kultur, das ist es", rief er aufgeregt und richtete triumphierend eine Faust in die Höhe.
"Bitte?!?!?", fragten die beiden Akîbs und schauten sich verständnislos an.
"Kem´sche Kultur. Wir sollten diese Wilden ein wenig zivilisieren, um auch hier schon ein Zeichen zu setzen. Wir bringen den Wilden ein wenig unserer glorreichen kem´schen Kultur näher!" Bei diesen Worten schaute er seine beiden Begleiter wie ein Mann an, der gerade eine absolut überragende Idee hatte.
"Kem´sche Kultur?!?!?", fragten die beiden Akîbs und schauten sich wiederum verständnislos an.
"Ja ihr wißt schon, Kultur. Dieses Geblubber eben, das uns Kemis an die Spitze der Zivilisation gebracht hat. Tiàmar, bringt ihnen doch irgendein Lied bei, während wir uns die weitere Fahrtstrecke anschauen." So sprach der Neset und schaute wieder auf die Karte.
Die beiden Akîbs schauten sich an. "Er ist der Neset. Er befiehlt, Tiàmar," sagte T´kem: "Denkt daran: nur das Zeichen zählt." Damit wandte auch er sich der Karte zu und Tiàmar ging mit rollenden Augen auf eine Gruppe Waldmenschen zu.
Die Waldmenschen waren schnell für ein Lied zu begeistern und ein "Chor" war auch eiligst aufgestellt. So fing Tiàmar an, den Waldmenschen das erste Lied beizubringen, das ihm gerade einfiel.
Unterdessen tränten den beiden anderen männlichen Kemis bereits die Augen vom Kartenstudium. "Er bringt ihnen bestimmt ‚Großer Boron wir lo-oben dich' bei. Ich liebe dieses Lied." Der Neset lächelte beglückt ohne von der Karte aufzuschauen.
T´kem sah in Richtung seines Kollegen, der lächelnd und mit Fingerschnipsen die singenden und schunkelnden Mohas dirigierte und fragte sich dabei an welcher Stelle von "Großer Boron wir lo-oben dich" wohl dieser elegante Hüftschwung und dieses Schnippen mit den Fingern vorkam. "Großer Boron wir lo-oben dich. Sicher doch, Neset. Sicher."

Der Häuptling verließ seine Hütte mit dem Gesicht eines Mannes, der dem Säbelzahntiger ins Auge geblickt hat. Ob es Angstschweiß war, der von seinem Gesicht tropfte, oder ob ihn die Anstrengungen erhitzt hatten, wen interessiert's? Die Stimme, die ihm aus der Hütte folgte, zeugte jedenfalls von grenzenloser Enttäuschung: "Du kannst doch nicht so einfach gehen. Wir haben doch gerade einmal mit dem Vorspiel angefangen." Eine nackte Geweihte erschien im Eingang und blickte auf den sich entfernenden Mann, der augenscheinlich darauf bedacht war, empfindliche Teile seines Körpers im nahen Bach zu kühlen: "Und so was nennt sich Häuptling! Na, dann halt nicht." Ein suchender Blick in die Runde, ein aufreizender Schmollmund, dann wies ein gestreckter Finger in Richtung eines gut gebauten Kriegers, der gerade eben seinen Speer an eine Hüttenwand lehnte: "Dann nehme ich halt den da. Hei, Du! Guuutschi, gutschi, gutschi..." Und der Wilde folgte Seijân in die Hütte...

T'Kem schien verzweifelt: "Also zurück zum Thema. Ihr wollt jetzt durch den großen gelben Farbklecks reisen um dann schnellstmöglich nach Punin zu kommen?"
Der Neset nickte mit stoischer Ruhe. Verzweiflung überschattete das Gesicht des großgewachsenen Kemi, die sogleich verflog, als sich Tiamar in sein Gesichtsfeld schob: "Also, mein Neset. Das Zeichen ist gesetzt. Wenn ihr wollt, dann können euch die Waldmenschen nun das Lied vortragen", sagte der junge Boroni.
"Fantastisch, Tiàmar. Wir werden dann schon mal alles wieder zusammenpacken, um dann schnellstmöglich aufzubrechen." Mit diesen Worten drehte sich der Neset um und ging, die Melodie von ‚Großer Boron wir lo-oben dich' vor sich hinsummend, davon den Wagen bereit zu machen.
"Ach, T´kem. Ich hoffe doch, dem Neset wird das Lied gefallen," sagte Tiàmar zweifelnd, den Blick auf die hochwohlgeborene Rückseite geheftet.
"Aber sicher doch. Er sagte bereits, daß er das Lied liebt," sprach T´kem und ging, dem Neset zu helfen.
"Ach, dann bin ich ja beruhigt. Also, dann wollen wir das noch mal üben, daß der Neset dann auch wahrlich begeistert ist."

Eine kurze Weile später: Der Wagen ist gepackt, der Neset und T´kem stehen bereit, die Häuptlingshütte wankt bedenklich, und ein ganzes Mohadorf steht nach Stimmen geordnet in einem Halbrund, Tiàmar mit einem improvisierten Taktstock vor ihnen.
Der Neset war schon ganz aufgeregt und ging im Kopf nochmal den Text von "Großer Boron wir lo-oben dich" durch, als Tiàmar den Einsatz gab und der Chor lossang:

"Akîb, A-A-A-kîb! Komm und hilf mir in mei-ne-her No-hot!
A- lieber A-A-A-kîb, mach mir ein Bananenbrot.
Ich komm' fast vor Hunger um. Akîb mach mir ein Bananenbro-hot.
Egal, ob sie g'rade ist oder krumm. Akîb, mach mir ein Bananenbrot."

Der Neset beugte sich in Richtung T´kems und flüsterte: "T´kem, das ist aber nicht ‚Großer Boron wir lo-oben dich'."
"Brilliant, Neset, brilliant," antwortete der Akîb.

"Akîb, A-A-A-kîb! Komm und hilf mir in mei-ne-her No-hot!
A- lieber A-A-A-kîb, mach mir ein Bananenbrot.
He, weißer Sklavenmeister, gib mir ´ne Banane. Akîb mach mir ein Bananenbrot.
Schuffte täglich unter Kemi`-his Fahne. Akîb mach mir ein Bananenbrot.
Akîb, A-A-A-kîb! Komm und hilf mir in mei-ne-her No-hot!
A- lieber A- lieber A- lieber A-ha-hakîb, bitte mach mir ein Bananenbrot.

"Meine Göttin, bin ich geschafft!" Seijan trat freudestrahlend aus der Häuptlingshütte, gefolgt von vier sehr mitgenommen wirkenden Kriegern, die ihrem Häuptling in die kühlenden Fluten zu folgen bereit waren. "Huch, was sind das denn für liebliche Töne?" Irritiert trat sie neben Ricardo und T'Kem.
"Wißt ihr Seijan, wir haben hier ein Zeichen gesetzt und den Wilden etwas kem´sche Kultur überbracht, aber wenn ich mir das anhöre, dann sollten wir jetzt vielleicht schnell abreisen." T'Kem warf der Geweihten einen ernsten Blick zu.
Ein kurzer Blick in die Runde und der Kemi nahm den Neset, der ein leises "Das ist aber nicht ‚Großer Boron wir lo-oben dich'" murmelte, und schob ihn vorsichtig in Richtung des wartenden Wagens. Ein Blick zur Rahjageweihten, die wieder einmal ihren zierlichen Finger in Richtung eines Kriegers ausgestreckt hatte, der bei diesem Anblick sichtlich ins Schwitzen kam, und T'Kem setzte zu einem kurzen Spurt an, umfasste die zierliche Sahet und verstaute sie neben dem noch immer grummelnden Neset im Wagen. So rauschte man dann noch einmal durch das Dorf, schnappte sich im Vorbeifahren Tiàmar und holperte Richtung Al´Anfa davon.
"Sagt mal Tiàmar, glaubt Ihr nicht, daß das zu einem Krieg führen könnte?" T´kem sah den neben ihm sitzenden Geweihten kurz an.
"Ach, wißt Ihr, T´Kem, ich habe ihnen gesagt, daß wir Al´Anfaner sind," berichtete der junge Kemi stolz.
Bei diesen Worten schauten sich T´Kem und Seijan an und zucken mit den Schultern. "Was soll man denn dazu noch sagen?"

So rauschte man nun an dem gefürchteten Al´Anfa vorbei und Ricardo schwenkte natürlich todesverachtend die Kemi-Flagge in die Richtung der verhaßten Ketzer.
"Neset, verzeiht wenn ich Euch frage, aber Euch ist doch aufgefallen, dass wir uns außerhalb der Sichtweite der Stadt befinden, oder?," erkundigte sich Tiàmar.
"Woscht! Glaubt Ihr etwa ich bin so blöd und schwenk das Ding, wenn mich jemand sehen könnte? Denk daran: nur das Zeichen zählt."
Während der Neset dies sprach konnte man in der Nähe auf einem Baum zwei Affen beobachten, die unsere Helden bei ihrer Fahrt in den Sonnenuntergang zu neuen Heldentaten beobachteten. Die beiden Äffchen schauten sich fragend an und zuckten dann die Schultern, während vierstimmig und sich entfernend noch ein paar Brocken eines alten kem'schen Fahrtenliedes hinüberwehten: "Rada- rada, radadadada, rada- dada, radadadada. Im Wagen bei mir sitzt ein junges Mä-hädchen...."
(RSC,HOD,MAG,VWE)

Tour de Aventurien

- Teil III -

Die Khom, unendliche Weiten... Wir schreiben das kem´sche Jahr 29, und ein schwarzer Streitwagen ist unterwegs, in Sandfeldern, die zuvor noch nie zuvor ein Kemi gesehen hat.
Der Neset schaute ergriffen über die Weiten des Sandmeeres. " Ach T´Kem, ist dies nicht ein wunderbarer Anblick?"
"Es ist Sand, werter Neset. Sand, Sand, überall nur Sand. Warum wollen wir ausgerechnet hier durch? Das sieht hier aus wie bei diesem Managarm zu Hause...", ärgerte sich T´Kem.
"Oh, Managarm? Das ist doch dieser schnieke, niedliche Schwarzmagus, mit dem wir soviel Spaß bei unserer Brabakreise hatten, oder?", Seijan hatte den Kopf schief gelegt und schielte in Richtung Tiàmars, dessen Gesicht einen merklich rosa Schimmer annahm. "Oh, Managarm," die Geweihte blickte träumerisch in die Ferne: "er ist wirklich so ein netter Mensch..."
"Äh.. Ja, wir sind mit dem Herren Kronjustiziar schon einmal gereist, das ist wohl richtig.", antwortete ein leicht verwirrter Tiàmar entschuldigend zu seinen fragend blickenden Begleitern, der nicht glauben konnten, daß Seijan in ihrer fast kindlichen Naivität Managarm wirklich niedlich finden könnte.
Währendessen war ein "Warum konnte es nicht 'Großer Boron, wir lo-obend dich' sein?" brummelnder Neset ni Terkum damit beschäftigt, den Wagen immer in Richtung Praiosscheibe zu halten, um so gleichmäßig in eine Richtung zu fahren.
"Achtung Ricardo. Die Eidechse", rief auf einmal Seijan und zog abrupt die Zügel zur Seite um einer kleinen, scheinbar friedlich vor sich dahinvegetierenden, Eidechse auszuweichen. Der plötzliche Richtungswechsel führte dazu, daß der Wagen ins Kippen geriet, umfiel und dabei eines der Räder, sowie die Deichsel zu Bruch gingen. Während drei der Insassen seitlich aus dem Wagen katapultiert wurden, zogen die Pferde den Neset weiter an den Zügeln hinter sich her (was zur Erfindung des kem´schen Wüstenski führte) bis dieser endlich nach 257 Schritt losließ.
Ein viertel Sandührlein später hatten sich alle aus dem Wüstensand ausgegraben und fanden sich beim Wagen ein.
"Liebste Seijan, darf ich Euch etwas fragen?", T´Kem bedachte die Rahjageweihte mit liebevollen Lächeln.
"Aber natürlich, T´Kem", entgegnete diese.
"Ist Euch eigentlich aufgefallen, daß Eure heldenhaft gerettete Eidechse sich seitdem immer noch nicht bewegt hat", bohrte der Akîb ni Dju´imen weiter nach, wobei er sein Lächeln auf eine recht zwanghaft erscheinende Weise aufrecht zu halten schien.
"Oh ja. Es sind ja so schlaue Tiere. Sie sonnt sich weiterhin friedlich im Praiosschein, weil sie weiß, daß wir boronfürchtige Menschen sind, die einer der Tsa geweihten Kreatur nie etwas zu Leide tun würden. Meint Ihr, wir sollten es ihr gleich tun und uns ein wenig dem Praios hingeben?" fragte die Sahet ni Lofran, während sie bereits damit begann, die Schnüre ihres Iriyanledertops zu lösen.
Nun war T´Kem am Ende seiner Geduld und rief erregt: "NEIN!!! Sie bewegt sich nicht, weil Boron sie schon geholt hat. Versteht Ihr nicht? Sie sonnt sich nicht, sondern ist schon ausgetrocknet! So wie wir austrocknen und zu Boron gehen werden, weil wir aus dieser Wüste nicht mehr heraus kommen, nachdem Ihr den Wagen zerstört habt! Dann habt Ihr jetzt also wirklich genug Zeit um Euch zu sonnen!"
"Oh, dann war das also alles von Boron so geplant? Nein, ihr braucht Euch nicht zu bedanken, daß ich Eurem Gott geholfen habe. Aber wir können uns dann doch sonnen, oder?"
Schreie und leise Würgegeräusche trieben Sandwirbeln gleich an Ricardo und Tiàmar vorbei, die kopfschüttelnd am Wagen standen und den Schaden begutachteten.
"Abgesehen davon, daß die Pferde weg sind, sollten wir doch den Wagen reparieren. Tiàmar, würdet Ihr mir das Werkzeug hohlen, das in der Transportbox, gleich unter den Fahnen ist?", sprach der Neset in Richtung des Akîb ni Rekmehi.
"Ach, strengt euch nicht an, Tiàmar. Das Werkzeug habe ich noch im Káhet ausgeladen, um meine Duftwässerchen unterzubringen. Wollt Ihr euch mit mir sonnen?", die Stimme der Sahet wurde von leise röchelnden Geräuschen untermalt und verstummte, als sie sich wieder dem Akîb ni Dju´imen zuwandte, der augenscheinlich vor Wut bebte: "Das ist eine wirklich ungesunde Farbe, die Ihr da im Gesicht habt, T´Kem. Vielleicht sollte ich Euch ein wenig von meinem Wangenrouge leihen. Aber was soll´s. Könntet Ihr mir vielleicht eine Hand reichen? Ich bekomme diese engen Hosen sonst nie aus."
"Ich bringe sie um! Ich bringe sie um!", schrie ein wütender T´Kem, der nur mit vereinten Kräften seiner beiden Begleiter zurückgehalten werden konnte.
Seijan hatte mittlerweile fast alle Kleidungsstücke von sich geworfen, wobei man die restlichen Wäschestücke kaum noch als solche bezeichnen konnte: "Brennend heißer Wüstensand..." Die Rahjageweihte hatte aus einem mittleren Schrankkoffer eine bauchige Flasche gezogen und verteilte deren Inhalt vorsichtig auf ihre Blößen, während Tiàmar hastig den Blick abwandte, gedankenverloren mitsingend: "So schön, schön war die Zeit... fern, so fern dem Heimatland..."
Als Tiàmar gerade wieder ansetzen wollte, umfasste T´Kem die Kehle des Akîbs mit seinen beiden Händen und begann mit den Worten: "Ich bringe sie beide um und bei dem fange ich an...", diesen herzhaft zu würgen.

***

Vier Sandührlein später... Der Neset führte eine kleine, durstige Truppe an, die sich unter dem heißen, dem nachgerade brennend heißen Praiosgestirn durch die Khom schleppte, während über ihnen die hungrigen Geier kreisten.
"Wasser! Wasser!", jammerte Ricardo.
"Wasser! Wasser!", rief Tiàmar.
"Wasser! Wasser!", stöhnte T´Kem, während von hinten ein "Bosparanier! Bosparanier! Zimmerservice!", zu hören war.
Da, wie von Boron selbst geschickt, erspähte der Neset eine größer Ansammlung von Pferden, Menschen und Kamelen.
"Da! Wir sind gerettet", schrie er sofort begeistert.
"Wir sollten uns nicht zu früh freuen. Ich habe gehört, daß es in der Wüste viele geisterhaft Erscheinungen geben soll", warf Tiàmar zögernd ein.
"Wie eine Fata Morgana, so weit und do-och so fern. Wie eine Fata Morgana..", sang Seijan sofort mit ihrer lieblichen Stimme los, während T´Kem gleichzeitig herumfuhr.
"Abera, kadabera. Schon war sie nicht mehr da." "Wenn ich mich jetzt herumdrehe und dort nichts mehr sehe, dann werdet ihr eine ausführliche Unterredung mit meinem Chef in Alveran haben, während ich kurz bei Tiàmar beichten gehen muß", stieß T´Kem erbost aus.
"Sie sind weg," sagte der Neset enttäuscht und sofort wandte T´Kem sich wieder um.
"Keine Angst, mein Freund. Da ist nur eine Düne in der Sichtlinie. Gleich werden wir gerettet."
Schnell waren mit den Novadis alle Formalitäten geklärt und sie zeigten sich einverstanden, unseren lieben Kemis zu helfen die Pferde zu fangen, den Wagen zu reparieren und in die nächste Oase zu kommen. Während die Karawane dem Sonnenaufgang entgegenritt, das kem´sche Banner flatternd am Schwanz des letzten Kamels, direkt oberhalb der kleinen ‚Just Bekehrt- Nur das Zeichen zählt!!!' Pappscheibe und den im Wind klirrenden Bierkrügen mit dem Bartelbaumemblem, hörte man aus der Kehle der Sahet ni Lofran eine alte kem´sche Weise der novadischen Einwanderer, in die drei Boronis freudig einstimmten:
Die Karawane zieht weiter, der Neset hätt Doosch!
Dä Neset hätt Doosch! Dä Neset hätt Doosch!
Die Karawane zieht weiter, der Neset hätt Doosch!
Dä Neset, dä Neset dä hätt Doosch!
Während unsere vier Helden so glücklich ihren nächsten Erlebnissen entgegenstrebten saßen dort, wo sie sich vor kurzen noch todgeweiht durch den Sand schleppten zwei Geier, die sich mit knurrenden Mägen anschauten, mit den Schultern zuckten und den Kopf schüttelten.

Fortsetzung folgt.... (sowohl versprochen, als auch angedroht.)

(RSC,HOD,MAG,VWE)

Tour de Aventurien

- Teil IV -

Wir verließen unsere Helden, als sie gerade ihre neue Mitfahrgelegenheit nutzten und mit einer Gruppe fröhlich singender, novadischer Händler den Weg zur nächsten Oase antraten, den schwarzen Streitwagen im Schlepptau. Zwar hatte einer der Händler ihnen sehr bestimmt angeraten, sich gleichzeitig als Neumitglieder beim ADHC (Allgemeiner Der'scher Helden-Club) anzumelden, unsere Helden hatten mangels Kleingeld aber ebenso bestimmt abgelehnt. Alle? Nicht alle... die Art und Weise der Zahlungsmodalitäten, die die kleine Rahja-Geweihte anbot sprengten allerdings die Vertragsklauseln ein wenig, weshalb man tunlichst über diesen Gesprächsbeitrag hinwegsah.
"In einem unbekannten Land, vor gar nicht allzu langer Zeit..."
Seijâns Stimme schwebte noch eine Weile in der Luft, bis der Baß des Neset eine Terz tiefer sich widerstrebend mit dem Lied verwob: "War eine Göttin sehr bekannt, mit der sch... alles weit und breit..."
Tiamars Gesicht hatte eine dunkle Farbe angenommen, als er sich zu seinem Bruder im Amte hinüberbeugte: "Ähh, T'Kem? Habe ich das gerade richtig gehört? Mit der schlief alles weit und breit?"
T'Kem schenkte Tiamar einen kurzen Blick, bevor sein Gesicht wieder hinter den Händen verschwand und die Schulter in kurzen Abständen zuckten...
"Rahja... Rahja... Rahja... Rahja, erzähle uns von Dir!"
Seijân umarmte Ricardo stürmisch, was der Neset etwas irritiert zur Kenntnis nahm: "Ei, singen wir denn jetzt, großer Boron, wir..."
"Da ist die Oase, wir haben es geschafft!!!"
"Also wieder nicht, Großer Boron wir lo-oben Dich."

Werter Leser, schließen Sie die Augen und stellen Sie sich vor, sie haben soeben dem Praios-Geweihten ihres Vertrauen das Streichholz gereicht und er hat mit verschmitztem Lächeln den Scheiterhaufen, auf dem Sie stehen, angezündet. Ja, es ist wirklich ein wenig heiß... sehr heiß. Man stelle sich ferner vor, fünfzehn Novadis sitzen vor einer kleinen Herberge und beschweren sich darüber, daß sie wieder einmal den Pulli anziehen mußten, weil es so fröstele. Noch Fragen? Dachten wir uns.

Der Neset war überaus gereizt: "Ich verstehe das einfach nicht!" Das Zimmer, in das sich unsere Freunde zurückgezogen hatten war klein, aber gemütlich. Seijân war in eines ihrer underisch großen Gepäckstücke abgetaucht, irgendetwas von dem kleinen Schwarzen vor sich hinmurmelnd, dieweil T'Kem auf dem einzigen Stuhl saß und lauerte. Er war davon überzeugt, daß es nicht mehr lange dauern konnte, bis das Chaos losbrach. Tiàmar war indessen stocksteif neben dem Koffer verharrt, hatte die Geweihte der Schönen Göttin ihn doch gebeten, ihm eben ein paar Sachen abzunehmen. Nachdem ein weißer Schlüpfer mit Rüschenbesatz auf seinem Kopf gelandet war, hatte er versucht, das Atmen einzustellen.
Ganz langsam drehte sich T'Kem's Kopf in Richtung des Neset, der schwer atmend in der Tür stand. Mit dem Gesicht eines Mannes, der weiß, daß er die Antwort wirklich nicht hören will, sich aber der Notwendigkeit beugt, die Frage zu stellen, bevor es jemand tut, der wirklich an einer Antwort Interesse hat, hob er eine Augenbraue: "Was versteht ihr nicht?" Schnell betete er zum Herre Boron, dass er ihm Kraft geben möge, ob der nun kommenden Anfechtung.
"Wir sind schon wieder zu spät dran! Sie sind schon bekehrt." Seijân verharrte mitten in der Bewegung, während Tiàmar herum wirbelte, was einige Auswirkungen auf seinen Kopfschmuck hatte, der sich zärtlich um seinen Hals drapierte.
"Hä?!" Der Neset hatte diese Interessensbekundung so oft gehört, dass er sich fast nicht wunderte, ausnahmsweise mal die volle Aufmerksamkeit seiner Gefährten zu genießen: "Ich war gerade beim Götterdienst dieser Wüstenflitzer hier und ihr werdet es nicht glauben, sie beten Boron genauso an wie bei uns in Merkem! Sie werfen sich auf den Boden und stoßen ein infernalisches Geheul aus!"
T'Kems Kopf wandte sich in Zeitlupe in Tiàmars Richtung, der sich in diesem Augenblick nichts sehnlicher wünschte als ein Loch im Limbus, in dem er ohne viele Worte verschwinden konnte. Warum im Namen des einen und Höchsten hatte man sich nicht auch den Puniner Gepflogenheiten im Bereich des Sprechens gebeugt. Oder besser, warum hatten die Puniner nicht den Neset damit angesteckt? In T'Kems Gesicht zuckte ein Muskel, ein Muskel, der erst seit Anfang der Reise seine wahre Bestimmung gefunden zu haben schien und nun langsam zu dem am besten ausgeprägtesten Muskel im Mienenspiel des Boronis wurde, während er beobachtete, wie Tiamar mit bewußt gelangweiltem Ausdruckt versuchte, den Schlüpfer mit gezieltem Pusten von seinem Hals zu blasen. "Wußte gar nicht, dass die Merkemer Borondienste so spektakulär sind!" Seijâns Stimme riß alle Beteiligten aus dem kleinen Elend, in dem sie gerade verweilten.
"Ähh. Nicht die Boronis beten so." Der Neset schien zerknirscht, ein Umstand, der jeden anderen vielleicht erstaunt hätte, T'Kem erstaunte hinsichtlich des Neset allerdings gar nichts mehr. Ricardo rang sichtlich nach Worten: "Nun, ich meinte, daß sie nicht von Boronis bekehrt worden sind. Sie haben sich vielmehr eine Untergruppierung der Kemi-Königlichen-Alleinseligmachenden-Boron-Staatskirche..." "Heilig, heilig, heilig..." (vielstimmig, aber nicht ganz so enthusiastisch, wie es hätte sein können...) "...angeschlossen, den berühmten Merkemer Klageweibern e.V. Corp. Lmtd., die auch den letzten Kemi-Dereweiten Wettbewerb: 'Klagen vor dem Herrn und freudig preisen' gewonnen haben."
T'Kem wandte kurz die Augen zum Himmel und beschloß dann ganz spontan, das Thema zu wechseln: "Schönes Wetter draußen, nicht?"
"Hää?!" Seijân richtete sich auf, ein unmögliches, handgebatiktes Trägershirt in den Farben der Göttin über der gut geformten Auslage... ähh... am Leib. (Redakteur vorübergehend beurlaubt, Anm. d. Red.)
"Wie wäre es, wenn wir mal den Tempel besichtigen?" Der Neset riß seine Augen mühsam von dem sich ihm bietenden Anblick: "Schön, schön, aber vorher habe ich noch einen Tisch bestellt. Zum Abendessen. War nicht ganz billig, aber man hat mir versprochen, es gäbe auch eine kleine Überraschung. Ich freue mich jetzt schon darauf. Wahrscheinlich gibt es Glückskekse oder so was."
Tiàmar war in der Bewegung erstarrt: "Eine kleine Überraschung? Bei wem in der Götter Namen habt Ihr die Bestellung durchgeführt?"
T'Kem zuckte die Schultern: "Ich nehme das Schwert mit. Tiàmar, habt ihr euren Dolch? Man kann ja nie wissen."
"Ohh," Seijân lächelte: "Ihr habt recht. Ich nehme die Handtasche mit." (Holy Handtasche +7)
Einige Sandkörnlein später... Unsere Helden haben sich in einem kleinen, gemütlichen, novadischen Gasthaus niedergelassen und ein opulentes Mahl niedergemacht. Während der Neset sich noch mit der Gabel die Kauleiste säubert und Seijân seit fünfzehn Sandkörnlein in der Latrine verschwunden ist, weil sie sich nur mal eben gerade kurz 'frisch machen' wollte, sitzen T'Kem und Tiàmar beunruhigt in den viel zu weichen Kissen: "Tiàmar, ist Euch auch schon aufgefallen, mit welch unverschämten Grinsen uns dieser Hühne am Nachbartisch seit drei Sanduhren mustert?"
"Könnte am debilen Gesichtsausdruck des Chefs liegen!" Das Flüstern Tiamars schreckte den Neset aus seinen Gedanken:" Wasch ischt mit Grogodielen?"
T'Kem blickte Ricardo mit der Ergebenheit eines Latrinensklaven an: "Die Gabel, Neset, Ihr habt noch die Gabel zwischen den Zähnen!"
"Upps, besten Dank mein Lieber."
Ein kurzes Donnern unterbrach die sehr verschiedenen Gedankengänge unserer Helden, dann begannen kleine Glöckchen zu bimmeln und sanfte Flötenklänge setzten ein: "Seijân kommt glaube ich, wieder." Der Neset drehten sich der Latrinentür zu, während Tiàmar und T'Kem sich ganz der Tänzerin zuwandten, die soeben in einem Seitenalkoven erschienen war. Wirklich öffnete sich in diesem Augenblick die Tür zur Toilette und die Geweihte der Schönen Göttin erschien. Einen Augenblick versteinerte ihr Gesicht und ihre Augen begannen Blitze zu verschießen. Ricardo wandte sich abrupt zu Tiàmar um: "Ich weiß nicht, was Seijân... urgks...." Der Rest des Satzes ging in glücklichem Sabbern unter, schließlich mußte Ricardo den Vorsprung seiner beiden Brüder im Glauben wieder wett machen.
Mit einem nicht ganz leisen: "Schlampe!" setzte sich Seijân neben ihre Freunde, ein Umstand, der ihr normalerweise eine ungeteilte Aufmerksamkeit der Gefährten eingebracht hätte... normalerweise.
Die Augen des Neset schienen ganz zwischen den gesträubten Brauen verschwunden zu sein. Die Tänzerin hatte sich direkt in seine Pupillen getanzt und füllte die Leere in seinem Kopf zur Gänze.
Feurige Bewegungen ließen die Hüften der Frau schwanken wie ein Drachenboot in der Brandung, während sie sich mit lasziven Bewegungen auf den Neset zuschob, sabbernde Freier mit stolzer Anmut umschiffend, die Hand herausfordernd ausgestreckt, den Zeigefinger fordernd gekrümmt. Langsam beugte sie sich herunter, die Früchte ihrer Liebe direkt unter der Nase des hochgewachsenen Boroni. Sie nahm behutsam Ricardos Hände in ihre eigenen, schlanken Finger und führte sie sanft an ihr Dekolleté. Freudig umschmiegte Ricardo das dargebrachte Opfer, während die Lippen der Frau seine Halbglatze liebkosten und das Lächeln auf seinem Gesicht in die Breite wuchs. Die Frau öffnete den Verschluß auf ihrem Rücken und ein schmaler Schleier löste sich von ihrer Hüfte und glitt langsam zu Boden. Ricardo blickte erstaunt unterhalb des Bauchnabels und ein leises: "Meine Güte, Locken!" entfuhr seinen gekräuselten Lippen, als ein harter Stoß in die Nieren ihn plötzlich wieder zum Bewußtsein brachte.
Tiamar hatte augenscheinlich die Handtasche ereilt. Er lag, immer noch sabbernd, ausgestreckt in der Mitte des Saales, während T'Kems Nase blutete und er immer noch nach Atem rang. "Männer!" Der Neset blickte Seijân konsterniert an: "Was ist, meine Beste?" Seijân schnaubte wie ein ausgewachsener Baumdrache: "Könntet Ihr mit bitte sagen, warum Ihr mir euren Kopf auf die Schulter gelegt und mir an... nun, dahin gegriffen habt?"
Der Neset überlegte fieberhaft... "Ich habe gebetet!"
T'Kem starrte Ricardo fassungslos an, während seine Lippen das Wort 'Locken' zu formen schienen. Ricardo nickte und setzte sein gewohnt gesetztes Gesicht auf: "Ja, meine Liebste, wir haben alle zum Herrn Boron gebetet, daß die Sünde nicht Einzug halten kann in unsere Gedanken, so wie die hochgelobte Dhana es uns gelehrt hat..."
T'Kem brachte die leisen "Heilig, heilig, heilig... "-Rufe Tiàmars mit einem gezielten Tritt auf die Hand seines Gefährten zum Schweigen, während er dabei ein unschuldiges Lächeln zu Seijân schickte, die ihn gerade fragend ansah, ob die Behauptung des Nesets vielleicht ein Anzeichen der Überraschung in seinem Gesicht hinterlassen hätte.
Seijân warf den Kopf in den Nacken, eine Bewegung, die bestimmt sehr herrisch gewirkt hätte, hätte sie nicht das bereits erwähnte Batik-Shirt getragen... "Also ich gehe jetzt in diese Kirche. Wer kommt mit?"
Zwei der Anwesenden standen sofort, wenn auch mit betretenen Mienen auf, während T´Kem noch überlegte, ob seine Nase wohl eine weiter Begegnung mit der Heiligen Handtasche überstehen würde. Sein resigniertes Seufzen kündigte jedoch an, dass er einen viel zu großen Respekt vor der Heiligkeit der Handt.., äh, der Schönen Göttin und ihrer Vertreterin hatte, um sich an einer weiteren Darstellung zu erfreuen.
Der heilige Eifer der Männer hatte sich in Grenzen gehalten, zumal irgend jemand kurz vor dem Verlassen des Lokals etwas von 'Schleiertanz' geraunt hatte, doch sie behielten eine... nun... leicht abgekühlten Kopf und schritten auf das große Gebäude zu, das den größten Platz der Oase einnahm. Seijân blickte aufmerksam zu einem der Türme herauf, wo ein dürrer Novadi gerade zum Gebet rief: "Herrlich praktisch, diese Verkehrslotsen. Haben den Überblick und können die Kinder beim Überqueren der Strasse vor herannahenden Kutschen warnen. Ich frage mich lediglich, warum ihn niemand ablöst, wo er doch augenscheinlich schreckliche Schmerzen leidet.
Ricardo blickte irritiert nach oben, während Tiàmar leise murmelte: "Wahrscheinlich hat er Höhenangst. Ich verstehe das vollkommen."
"Wahrscheinlich..." der Neset hatte es sich nicht nehmen lassen, seinem Tonfall etwas dozierendes zu geben. Er hatte einmal den werten Herrn Managarm bei einer seiner Reden belauscht und versuchte nun des öfteren, diesen nachzuahmen, mit eher mäßigem Erfolg, allerdings: "wahrscheinlich ist dies der Schlachtgesang der Merkemer Klageweiber e.V. Corp. Lmtd."
T'Kem sah Tiàmar nachdenklich an, der wiederum fast sofort nachdenklich zu Boden starrte, in der vagen Hoffnung, daß da etwas sei, das sich nachdenklich anzuschauen lohnte. Auf diese Weise in ihre eigenen Gedanken verstrickt betraten sie das Gotteshaus.

Es war kaum eine ganze Sanduhr später, als ein schwarzer Streitwagen mit atemberaubender Geschwindgkeit die Oase verließ und sich in Richtung Lieblichen Feldes wandte, ohne näher auf das Schild "Letzte Oase vor der Grenze" einzugehen. Dicht hinter dem Streitwagen erhob sich eine dichte Staubwolke, die ursächlich wohl mit einer vielköpfigen Gruppe bewaffneter Novadis in Zusammenhang stand, die sich augenscheinlich auf die Fersen unserer Helden gemacht hatte..., Verzeihung, die den Gefährten auf den Hinterrädern war... oder so. "Was in aller Götter Namen habt Ihr denen erzählt?" Die Stimme Tiàmars überschlug sich fast.
Die Ruhe in T'Kems Stimme war fast greifbar und weit härter als das Schwert an seiner Seite: "Das habt Ihr wirklich gut hinbekommen, Führer im Glauben Ricardo Chesaîret! Wenn ich euch zitieren darf: 'Das mit dem Eingottglauben ist ja toll, aber wer zu den Niederhöllen ist Rastullah!' Wirklich großartig..."
Ricardo schlug sich mit der Faust auf die Stirn, was ihn kurzfristig vor Schmerz zusammenzucken ließ: "Wir haben das Zeichen noch gar nicht zurückgelassen!" Schnell zog er eine kleine schwarze Kiste heraus und entnahm dieser einen kleineren Wimpel, den er flugs in den Wind stellte und losließ: "Nur das Zeichen zählt!"
Die kleine Fahne wirbelte knapp an Seijân vorbei, die mit leuchtenden Augen auf der Rückbank kauerte und auf die vorpreschenden Reiter blickte: "Ach, Ricardo, ihr seid wirklich ein Genie. Kaum eine Sanduhr sind wir bei den Ungläubigen und nur ein paar Worte Eurer flammenden Rede haben ausgereicht, um sie nicht nur zu bekehren, nein, sie folgen uns auch noch freudig und sind ganz begierig darauf, die Heiden zu töten. Hört ihr ihre freudigen Schreie?" Die Geweihte seufzte hörbar und wandte sich dem Neset zu, die Augen in ehrfürchtigem Staunen geweitet: "Daß ich dabei sein darf, ist geradezu alveranisch!"
Der Wimpel traf den Anführer der Novadis genau zwischen die Augen, was vielleicht nicht so schlimm gewesen wäre, hätte er sich nicht gerade erregt mit einem anderen Reiter unterhalten. Den harten Riß in den Zügeln interpretierte sein Pferd daraufhin als das lange eingeübte Kommando für 'totes Shadif', was nicht nur ein sehr kluger, sondern leider auch zugleich sein letzter Gedanke sein sollte. Insofern darf man durchaus anmerken, daß noch nie ein Pferd so gut darin war, 'totes Shadifs' zu spielen, wie dieses Tier in diesem Moment.
Die Medici brauchten übrigens einen halben Praioslauf, bis sie sich bis zum letzten Krieger durchgekämpft hatten, denn den Novadis wird bereits in ihrer Jugend beigebracht, daß man sich erst gegen Angreifer wehrt, die plötzlich auf einen zukommen und dann erst nach deren Beweggründen fragt.
In diesem Sinne können wir freudig vermelden, daß unseren Helden im Kampf gegen den Unglauben wieder einmal eine erstaunliche Tat gelungen ist, und daß sie auch Boron wieder alle Hände voll zu tun gaben. Lassen wir sie also voller Vorfreude in den Sonnenuntergang reiten und lauschen wir ein letztes mal den altvertrauten Stimmen...: "Wo fahren wir jetzt eigentlich hin?"
Nun, Tiàmar, wir werden uns vom Raben leiten lassen."
"Wenn Ihr meint, werter Neset."
"Ich war schon lange nicht mehr in Belhanka und da sind bald wieder Feierlichkeiten."
"Eine Gute Idee, meine Liebste. Dann wird uns der Rabe dorthin führen."
"Tiàmar, sagt mir bitte, daß das alles nicht wahr ist."
"Na, des kann ja heiter werden." Und T'Kem und Tiàmar blickten sich an, zuckten mit den Schultern und schüttelten den Kopf, während der Neset erst die Peitsche und dann seine Stimme erklingen ließ: "Ich geb' Gas, Ich geb' Gas. Ich will Spaß, ich will Spaß..."
Während dieser Lieddarbietung des Nesets konnte man erkennen, wie Tiàmar mit all seiner Kraft T´Kem daran hinderte durch einen kühnen, gezielten Sprung frühzeitig vor den Herren zu treten, obwohl es hier doch erlaubt sei Zweifel anzumelden, ob nicht beide darum kämpften, wer als erster springen durfte.
(RSC,HOD,MAG,VWE)

Tour de Aventurien

- Teil V -

Der Tragödie fünfter Teil- Erinnern wir uns. Gerade hat sich die Staubwolke gelegt, mit der unsere drei Schwarzträger und das Flittchen ihren geschwungenen Weg nach Belhanka markiert haben (wobei unsere Leser und Leserinnen sich nicht von den bemerkenswerten Schlenkern nach Drôl und auf die Zyklopeninseln beirren lassen sollten) und schon stehen sie da, ein Stückchen vergilbtes Pergament in der Faust, hinter sich ein großes Schild: 'Willkommen in Belhanka' und starren mißmutig ihren gewählten... oder besser gequälten Führer an. Um einmal für etwas Abwechslung zu sorgen, hat sich die Redaktion überlegt, ausnahmsweise einfach eine kleine Hörspielfassung anzubieten... zumindest im ersten Teil.
"Ähhh, meint ihr wirklich, dass dies hier Vinsalt ist?"
"T'Kem, Ihr steht mir im Licht!"
"Verzeihung. Wenn Ihr denkt, daß Euch das die Erleuchtung bringt, dann gehe ich gerne ein wenig zur Seite. Und ich werde auch zur Herrin Rondra um einen Geistesblitz beten."
"Ähh, Freund T'Kem..."
"Ja Tiàmar?"
"Meint Ihr nicht, daß eher Hesin... Oh, schon gut. Setzt Euch am besten dorthin."
"Ricardo, Schatz, sind wir bald da?"
"Ich verstehe beim besten Willen nicht, was diese kleinen Punkte und Kreuze hier sollen. Tiàmar, was meint ihr?"
"Scheiterhaufen, vielleicht?"
"Was? Dhana war auch hier?"
"Nun, ich habe bei ihr eine Karte gesehen, da waren so kurze Stahlnadeln drin, überall dort, wo sie gepredigt hat."
"Wirklich?" "Die roten Köpfe waren für Verbrennungen. Schwarze für hochnotpeinliche Befragungen und blaue für Wässerungen. Der Rest der Karte war schraffiert, mit besonders vielen Strichen in Terkum."
"Hä?"
"Ketzer und subversive Elemete."
"Ach so..."
"Und wie sahen die Freisprüche aus?" "Freisprüche? Dhana...! Äh, ´tschuldigung, Neset, ohne Euch auf die Füße treten zu wollen, aber der Palast in Merkem zeigte ein besonders tiefes Loch. Und dort steckte der einzige Pfeil... völlig schwarz."
"Wie borongefällig... sie muß meinen tiefen Glauben erkannt haben."
"Wenn ich mal kurz unterbrechen dürfte? Also sind wir jetzt bald da?"
"Nach der Karte dürften diese Berge hier die Schwarze Sichel sein."
"...den tiefen Glauben.... arghhh."
"Hallo? Hört mich einer?"
"Die schwarze Sichel? Borongefällige Landarbeit oder was?"
"Nein, ein gebirgiges Bergmassiv!"
"Oh, ihr seid ja so klug!"
"Halllooooo! Wir sind bereits in Belhanka!"
"Aber noch einmal meine Frage. Wo sind wir hier?"
"Das darf nicht wahr sein, ich bin umgeben von einem Haufen Irrer! Hier steht ein Schild, das ganz klar besagt..."
"Ich verstehe diese Zeichnungen einfach nicht." (Geräusche, als entsichere jemand einen Klappspaten und begeben sich tendenziell, wenn auch borongefällig, in den Untergrund...)
"Oh, wie niedlich. Was sind das eigentlich für kleine Häuschen?"
"Wachtelwald-Drive-Inn?"
"Wo um Alverans Willen habt ihr die Karte her, Neset?"
"Nun, Humpelboro war so freundlich, sie mir zu zeichnen. Aus dem Gedächtnis. Kluger Mann, der Humpelboro, nee wirklich."
"Grmpf... T'Kem? T'Kem! Wo seid Ihr, ich... argnnn..." (Geräusch, das sich anhört, als würde ein Borongeweihter unter der Masse eines Hinweisschildes begraben)
"Ist das nicht niedlich, Ricardolein? T'Kem hat gerade ein Souvenir ausgegraben. Aber warum muss sich Tiàmar denn jetzt in dieses Loch legen? Ähhh... boronsche Kulte, wahrscheinlich. Ach ja, ich bin schon froh, dass ich dem Zweig der Rahjakirche der Allein-Seligmachenden-Heiligen-Boron-Staatskirche..." (vielstimmiges Murmeln vom enthusiastischen: Heilig, heilig, heilig, über das eher halbherzige: Eilig, eilig, eilig, bis hin zu einem wimmerndes: "Nicht doch, T'Kem, das ist mein Fuß, ich argnnn", übertönt von einem: "Ich werde euch alle fertig machen, und wenn es das Letzte ist, was ich tue...")

Mehrere Sanduhren später. Die Helden haben sich nach eingehender Befragung von mehreren Ureinwohnern und ein oder zwei Geweihten zu dem Entschluß durchgerungen, daß die vage Möglichkeit bestehen könnte, daß man gegebenenfalls vielleicht doch in Belhanka angekommen sein könnte, als Seijân, in etwas gehüllt, das mit sehr viel Liebe zum Detail als Kleidungsstück bezeichnet werden könnte (während andere, weniger bedarfte und informierte Menschen wohl Teesieb dazu gesagt hätten) eine winzige Herberge betritt.
"Hey, Leute. Ich hab' hier ein Plakat gefunden. Man sucht noch Wagen für den Blütenkorso. Wäre das nichts für uns?"
"Ja, das ist das Zeichen, auf das ich gewartet habe!"
Tiàmar tauschte einen kurzen Blick mit T'Kem. Das Geräusch zweier gleichzeitig auf der Stirn platzierter Handflächen ließ den Wirt zusammenfahren, dann zuckten die beiden Boronis unisono die Achseln und entschlossen sich spontan, im Stillen zu leiden.
"Ach, Tiàmar, T'Kem. Ihr braucht Euch nicht zu grämen, daß Euch das nicht eingefallen ist. So hat Boron Dere nun mal gemacht. Deshalb bin ich ja auch der Neset und ihr nur die Akîbs."
Diesmal war noch nicht einmal ein Blickkontakt vonnöten. Der Wirt schien sich indessen an das zeitweise Klatschen und anschließende Rascheln von Kleiderstoff gewöhnt zu haben. Boronis sind eben für ihre ganz eigenen, dem einfachen Volk fast gänzlich unbekannten Anbetungsrituale an den Schweigsamen Herren bekannt, daß diese aber so geräuschvoll waren, hätte Zweifel erlauben können, wäre da nicht die stillschweigende, gottgewollte Einigkeit der beiden Rabendiener gewesen.
"Und wie werden wir den Wagen gestalten, Ricardolein?"
Tiàmar hatte es kommen sehen: Die Zeit des Leidens in borongefälligem Schweigen war endlich gekommen! T'Kem drehte eine Rabenrassel in der Hand und überlegte fieberhaft, ob Boronfried diese wohl als gottgefälliges Geißelungsinstrument zulassen würde.
"Ich bin dafür, ein paar gut gebaute Jugendliche nackt vorne weg gehen zu lassen und Blumen zu streuen."
"Und Jungfrauen!"
"Aber Herr Neset!"
"Hää?"
"Wir sind in Belhanka!"
"Ach so. Also, junge Frauen? Und was sollen diese... jungen Frauen tun, mein Herr Neset?"
(Stellen Sie sich einen Tonfall vor, der auf sehr starke Weise an ein Wiesel... ähh Shepses'dingsbums beim Diktat erinnert!)
"Ähh, T'Kem, die Damen sollen natürlich ganz viel vor sich hertragen mit vollen Händen austeilen!"
"Bitte?"
"Na Fahnen!"
"Und welche Fahnen soll der Wagen haben? So ein rosa mit hellgrünen Paspeln und..."
(Dreistimmig:) "Schwarz!"
"Oh, ähh. Auch schön. So was gab's bestimmt noch nicht oft beim Fest der Freude. Aber ich denke, die schwarzen Blumen werden dafür sehr billig werden. Es gibt wohl kaum jemand, der sonst.."
"Und ein Bild der Nisut!"
"Ricardo?"
"Ja?"
"Wir haben kein Bild der Nisut."
"Ich hab' noch ein Bild von Dhana. Wenn wir das ein wenig umdekorieren..."
"Wir werden Jahre brauchen, um das morbide Grinsen vom Gesicht zu bekommen."
"Dhana kann grinsen? Wirklich? Ich habe ihr Bild bei mir im Stillen Ört..., ähm, ich meine in meiner Meditationskammer, einem Raum der Stille, an dem ich meinem Schweigsamen Herren in vollkommener Ruhe näher kommen kann. Bisher klappte das mit meiner Arbeit dank dem Bild immer bestens."
"Wie wäre es, wenn wir einfach ein Stück Weidener Kirschtorte vorne dran kleben..."
"Tiàmar, Ihr vergesst euch!"
"Ich fände das sehr passend."
"Oder Honigküchlein in Rabenform."
"Ich bin von Schwachköpfen umgeben!" "T'Kem, seid doch nicht so streng mit Euch. Lasst mich lieber gerade Eure Maße nehmen."
"Wofür?" Das Mißtrauen, das aus der Stimme des Geweihten sprach, hätte noch einen Bären zum Einlenken gebracht. An Seijân prallte es einfach ab: "Na für die Festgewandung!"
"Ich weigere mich, etwas anderes als eine schwarze Robe anzuziehen!"
"An nichts anderes dachte ich."
T'Kem war sich sicher, einen Fehler gemacht zu haben, aber er konnte es beim besten Willen nicht benennen. Es war wie das dumpfe Bohren von beginnenden Zahnschmerzen.

Der Aufruhr um den Wagen war schier unbeschreiblich. Der schwarze Streitwagen war mit schwarzen Plüschraben bis zum Rand gefüllt und Tiàmar und der Neset warfen diese und die borongefälligen Honigschleckerle in Rabenform mit vollen Händen unters Publikum. Seijân hatte sich zur Feier des Tages ein besonderes Kostüm ausgedacht: In einer verblüffend echten Robe (sofern man ein aus schwarzer, durchsichtiger Seide gemachtes Boronröbchen überhaupt als 'verblüffend echt' bezeichnen konnte) mit den Insignien der kem'schen Inquisition ging sie als Doppelgängerin der lieben Dhana Chesaî'ret dem Zug voran und schwang eine mit Metallsplittern versehene Peitsche mit lässiger Eleganz. Ab und an verteilte sie auch blumengeschmückte Geißeln aus Marzipan an ausgewählte Herren, nicht ohne vorher mit süßer Stimme zu fragen: "Ei, warst Du auch ein böser Boroni?". Jedes Mal bei dieser Frage konnte man ein deutliches Klatschen hören, dessen Ursprung aber in den Unmengen an Plüschraben verborgen blieb.
Rund um den Zug liefen besonders gut gebaute junge Frauen und Männer, die wie unsere übrigen Freunde ausschließlich in hauchdünne Roben aus schwarzer Seide gewandet waren und immer wieder mit überschlagender Stimme riefen: "Nur das Zeichen zählt!" (Tiàmar hatte sich geweigert, sich seiner schwarzen Boxerschorts mit der Wachtel im Herz zu entledigen, hatte sich aber schließlich von Seijân unter Androhung von 'Einzelunterricht' dazu überreden lassen, wenigstens das schwarze Strumpfband anzuziehen.)
Immer wieder verharrte der Zug und die versammelten 'Boronis' schmissen kleine Wimpel mit dem Raben vor dem silbernen Madamal, um anschließend das Lied anzustimmen, das schon längst zum heimlichen Schlager des diesjährigen Grand-Prix-de-la-Chanson-de-Blütenkorso geworden war: 'The Inquisition, what a show. The Inquisition, here we go..."
Keine Frage, daß selbst der reich geschmückte Wagen der königlichen Familie keine Chancen hatte. Ein Jurymitglied erzählte unserer Redaktion, daß ihn besonders eine Gestalt auf dem Wagen fasziniert und inspiriert hätte, denn sie habe mit unerschütterlicher Miene genau das ausgestrahlt, was die Inquisition für ihn bedeute!

Tiàmar drehte den Kopf zu seinem Freund T'Kem, der mit steinernem Gesicht auf dem letzten Platz des Wagens saß, während um ihn herum die Menge tobte. Gottergeben hielt er das schnell gemalte Bild der Nisut hoch und machte dabei ein Gesicht, als habe er vier Limonen auf einmal gegessen... oder einen tiefen Schluck Bartelbaums Bestes getrunken... Seijân sprang von der Seite auf den Wagen und rückte das Schild wieder gerade, das die drei Gefährten ihm nach kurzer Musterung an der Stirn angeheftet hatten: 'Boronfried!'
Leider hatte der Spaß unsere Gefährten einiges gekostet und so mußte man auf das bewährte Sponsoring zurückgreifen. Aber auch dies hatten unsere Freunde mit spielerischer Leichtigkeit gelöst. Hinter dem Festwagen kamen drei Zwerge, die einen Bollerwagen zogen. Sie hatten sich geweigert, schwarze Roben zu tragen, deshalb hatte man ihnen Federn angeklebt und sie so als Wachteln verkleidet. Das Schild war liebevoll von Tiamar und Seijan bemalt worden. Es zeigte einen Boronanger, unter dem in fetten Lettern der Werbespruch aufgemalt war, natürlich in schwarz: 'It's not a trick, it's a Bartelbaum!'

Unterdessen hatte der Wagenzug den Tempel der schönen Göttin passiert, von dessen hohem Kamin rote Rauchfäden wehten als Zeichen dafür, dass die Orgie zur Wahl des 'Geliebten der Göttin' endlich zu ihrem Ende gekommen war. Und schon öffneten sich die großen, goldbeschlagenen Flügel des Tores, während unsere Gefährten (bis auf das Boronfried-Imitat) eifrig damit beschäftigt waren, mit prall gefüllten Taschen umherzugehen und Kemi-Wimpel zu verteilen. Seijân hatte sich zu diesem Zweck sogar eine neue Handtasche zugelegt, knallrosa, mit kleinen rosa Häschenapplikationen aus Fell besetzt (Holy Handtasche plus Acht, mit magischem Rotlichtverstärker).
Gerade waren die Fanfarenbläser vorgetreten und hatten die feierliche Vorstellung des neuen Hauptgeweihten angekündigt, als auch schon der wirklich sehr gut gebaute Jüngling beschwingten Schrittes aus dem Tor trat, nur um Augenblicke später mit einer besonders flauschigen Häschenapplikation zu kollidieren. Das wäre vielleicht nicht so schlimm gewesen, wäre auf die Applikation nicht auch noch die Handtasche gefolgt. Und auch das hätte er vielleicht noch verkraften können, wäre diese nicht bis zum Anschlag in seinem Gemächt gelandet. Und selbst dies wäre nicht so schlimm gewesen, hätte sich nicht just in diesem Augenblick ein Wimpel gelöst und unangenehm in seinem Bauchnabel verkeilt, während er in Zeitlupe nach hinten sackte, Tränen in den Augen und ein gehauchtes Gebet an eine sicherlich just in diesem Augenblick sehr ratlos blickende Göttin auf den flatternden Lippen.
Seijân, aus ihrer PR-technischen Vertiefung gerissen, interpretierte die geballte Aufmerksamkeit ihrer Person sofort und wohl richtig. Stolz und mit kühnem Augenaufschlag riß sie die letzten Wimpel in die Höhe, knallte die Hacken zusammen und brüllte quer über den Platz: "Nisut, Heilig, heilig, heilig!" (Letzteres verstärkt um drei trockene Kehlen...)
Worauf das Volk jubelnd mitsang: "Fiesta, Fiesta in Belhanka, heut' geb' ich zum Abschluß für alle ein Fest! Hei hei hei..."
T'Kem hatte es aus seiner stoischen Ruhe gerissen und ihm traten Tränen in die Augen, während er inbrünstig mitsang: "Adios, Adios Kemiland! Ich komm' wohl nie mehr, zu Dir zurück. Adios, Adios Kemi-Land. Ich grüß mit Salut, die Nisut, werf' den Hut, ich habe Dich so lieb!", dabei drückte er das Bild der Nisut eng an sein Herz, wobei seine Tränen, die auf das Bildnis fielen, dafür sorgten, dass sich ein geheimnisvolles Lächeln auf das Anlitz der Nisut stahl, welches noch Jahre später die Künstler im gesamten Dererund in Verzückungen geraten ließ. MONA NISUT...

Nachdem sich die jubelnde und gröhlende Menge endlich wieder eingekriegt hatte (Einige hatte man gewaltsam auf die Einhaltung borongefälliger Ruhe verweisen und zum Schweigen bringen müssen...), strahlte die Geweihte der schönen Göttin in die Menge, aus der ihr der Neset und Tiàmar mit seligem Grinsen zuwinkten, und improvisierte eine Rede, die sie vorher in mühsamer, zwölfstündiger Arbeit auswendig gelernt hatte:
"Hallo, ich liebe euch alle!" (Der Platz war ein einziges Jubeln, so daß der progressive Griff unter den Gürtel völlig unterging) "Ich möchte nicht viele Worte machen, aber es gibt da jemanden, dem ich unbedingt danken muss!" Der Neset und Tiàmar sahen sich vielsagend an. Ricardo lächelte seinem Untergebenen zu: "Natürlich wird sie Euch nicht vergessen haben, aber..."
"Nein, sie wird wohl Euch danken..."
"... sie wird wohl mir danken." T'Kem schüttelte den Kopf: "Natürlich wird sie dem Herre Boron danken... und vielleicht den übrigen Elf."
Atemlose Stille hatte sich auf den Platz gelegt: "Ich möchte dem Menschen danken, ohne den ich wohl heute nicht hier stünde. Alles was ich bisher getan habe, ist nur der Versuch, den hohen Ansprüchen gerecht zu werden um dieser Person nachfolgen zu können: Dhana Chesaî'ret!"

Die göttliche Verständigung ist etwas wunderbares, nicht? Schalten wir mal kurz um in ein kleines aber feines Verlies tief unten in den Katakomben des Merkemer Tempels des Raben: "Gestehe, Ketzer!" Dhanas Lippen waren zu einem dünnen Strich zusammengepresst und die Peitsche sauste mit einem eklig pfeifenden Geräusch durch die Luft, während der Henker und die Folterknechte versuchten, von dem furchtbaren Anblick wegzuschauen, ohne den Eindruck zu erwecken, sie würden wegschauen...
"Übergib deine Seele dem Götterfürsten und bereue, was immer du gesündigt hast!"
"Neeeiiiin!" Das Wimmern war mehr ein Heulen, denn ein menschlicher Schrei.
"Du verdankst..." Dhana schien von einer Sekunde zur nächsten zu versteinern, während sich namenloses Grauen auf ihrem Gesicht ausbreitete. Die Worte 'Dhana Chesaî'ret hallten durch ihren Kopf und hinterließen neben drückenden Kopfschmerzen ein dunkles Gefühl von Fröhlichkeit und ausgelassener Stimmung. Die Mundwinkel der Geweihten zuckten wie von selbst als sie versuchten, eine völlig neue und äußerst ungewohnte Position im Gesicht der Dienerin des Raben einzunehmen. Die Bewegung erstarb fast augenblicklich wieder.
Die Blicke der Umstehenden blieben furchtsam an der zum Schlag erhobenen Hand und der starren Gestalt hängen und selbst der Delinquent gestattete sich ein kurzes Blinzeln. Der Anblick ließ ihm das Blut in den Adern gefrieren: Dhana lächelte... FRÖHLICH!
"Ich gestehe alles. Ja, ich bin schuldig! Ich bin ein mieser Sack. Übergebt mich den Flammen. Schnell!"
Die Umstehender waren instinktiv einen Schritt zurückgewichen, als der Kopf der Geweihten nach unten zuckte und in den Handflächen zum Liegen kam. Die Schultern zuckten unkontrolliert und heisere Laute, irgendwo zwischen hysterischem Kichern und Weinen kamen drangen hinter dem Vorhang der schwarzen Haare hervor.
Die Folterknechte sahen sich fassungslos an: "Die Gute wird rührselig auf ihre alten Tage!"

Dieweil boxte in Belhanka der Puniner Rabe im Kettenhemd... ähhh... es war eine Mordsstimmung... ähhh... alle hatten ihren Spaß. Und so wollen wir unsere glücklichen Helden für's Erste verlassen, während sie sich dem Treiben... ähhh ... dem glücklichen Feiern zur Gänze hingeben. Schalten Sie auch nächstes Mal wieder ein, wenn sie T'Kem sagen hören wollen: "Ich steig' aus. Das war's. Nicht mit mir. Ich will nicht nach Punin!!!!! Und hört endlich auf mich Boronfried zu nennen!!!!!"

***

Hier verliert sich die Spur unserer Helden... und da behaupte noch jemand, die Toten von Terkum seien wirklich Neset von Grauenberg und T'kem Ni Dju'imen...

(RSC,HOD,MAG,VWE)

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