
Schreiben des Mehibs Kal`Tan zum 23. FPR 27 S.G.
Schwestern und Brüder,
euch allen sind sie bekannt: die Gesichter aus Staat und Kirche. Die Gesichter der Großen und Mächtigen, die Gesichter der Weisen und Lenkenden. Sie alle haben ihr Leben dem Gestalten und Darlegen verschrieben, dem Führen in großen Einrichtungen. Wer von Euch kennt sie nicht, unsere Nisut oder unsere Eminenz, um nur die herausragendsten Vertreterinnen zu nennen.
Aber wofür stehen sie? Für den Staat und die Staatskirche? Ja, das haben Wir doch gerade eben erst behauptet: banal, könntet ihr meinen. Befriedigt euch aber diese Antwort? Uns nicht! Stellt sich denn nicht sogleich die Frage, wofür Staat und Staatskirche stehen: sind sie Selbstzweck? Gibt es sie nur, damit es sie gibt? Gibt es sie nur, damit sie ein "Gesicht" erhalten und gibt es die Gesichter nur, damit sie eine Einrichtung führen? Nein.
Sogleich fügen Wir aber an, dass die angemessene Erörterung dieser Frage in Hinblick auf den Staat wegen ihrer Vielschichtigkeit auch nicht in dieses, Unser kurzes an euch gerichtetes Schreiben gehört. Und Wir stellen euch diese Frage auch nur, um euch darauf aufmerksam zu machen, dass jede Einrichtung nicht aus sich und für sich selbst besteht, sondern aus etwas anderem und für etwas anderes besteht: nichts weiter als ein bestimmtes Mittel für bestimmte Zwecke ist!
So vielschichtig diese Zwecke beim Staat sein mögen – reichen sie doch vom gedeihlichen Zusammenleben der Menschen in den einem jeden von euch zugewiesenen Plätzen bis zur Ermöglichung gemeinsamer kultureller Entwicklung –, so eindeutig sind sie hingegen bei der Staatskirche: Ihr Zweck ist es, den Willen des Herrn Boron zu verkünden, darzulegen und zu schützen und damit Sorge zu tragen für das Heil der Gläubigen und Erkennenden in unseren Landen.
Darum geht's also: Um uns, um die Gläubigen und Erkennenden! Jede Einrichtung, koordinierende und lenkende Stelle gibt es nur, weil es etwas zu lenken und zu koordinieren gibt, weil etwas da ist, was ihr Dasein erforderlich macht. Und das sind eben wir alle, die wir begierig das Wort des Herrn Boron aus berufenem Munde zu hören begehren.
Wir kommen noch mal kurz auf Staat und Staatskirche zurück. Wäre ein Staat ohne Menschen, wäre eine Staatskirche ohne Gläubige denkbar? Nein. Wäre hingegen einen Masse von Menschen ohne Staat, eine Masse von Gläubigen ohne Staatskirche denkbar? Schon möglich, rein gedanklich – aber welch kärgliches Dasein müssten sie fristen. Wie die Menschen ohne Staat unorganisiert und hilflos dahinvegetieren würden, so würden die Gläubigen führungslos sein und ohne die rechte Erkenntnis vom Willen des Herrn Boron ferngehalten werden.
So sind die Einrichtungen also einerseits zum Wohl der Menschen und Gläubigen unbedingt notwendig. Andererseits aber sind sie immer einzig und allein auf das verwiesen, was ihre Existenz überhaupt erst ermöglicht, die Menschen und die Gläubigen.
Im letzten weitergedacht, seid also ihr die Existenzberechtigung für Unser Wirken, euch das Wort des Herrn darzulegen und die Angelegenheiten der Staatskirche auf den Inseln zu ordnen. Und um Euch, diesen Kern Unseres Wirkens, geht es mir.
Inmitten von unterschiedlichsten Lebenssituationen trifft euch dieses, Unser Schreiben. Die einen sind in einem Dorf mitten unter Gläubigen, andere haben lange Wege hinter sich, um mit den anderen Gläubigen sich zu treffen, die auch aus Gegenden gekommen sind, wo sonst nur ganz wenige, dem Herrn Boron ergebene Menschen leben. Wie gehen wir damit um, dass viele auf unseren Inseln unsere letzten Weisheiten nicht mittragen? Andere Wege gefunden zu haben meinen?
"Das ist zum Verzweifeln", könntet ihr denken. "Wir plagen uns ab, halten uns an viele Regeln, nehmen Opfer und Unannehmlichkeiten auf uns. Und dann sind da andere, denen es nicht schlechter, nein oftmals sogar besser geht als uns und die sich um all diese Regeln und Opfer, um all diese Entbehrungen und Verzichte überhaupt nicht scheren. Was soll das dann alles? Könnten wir es denn nicht auch vielleicht lassen – das Leben scheint dann doch nicht schlechter zu sein."
Oder, von der anderen Seite betrachtet, könntet ihr denken, "das kann doch wohl nicht sein, dass da einige nicht an das glauben, was für uns die letzte Weisheit ist. Wie können wir derartiges dulden? Wäre es nicht einfacher sie alle zu beseitigen, damit wir uns nicht mehr mit ihrer Gegenwart abplagen müssen? Die Zweifler zu beseitigen, erleichtert uns doch für die kommende Zeit den Alltag. Alle denken das gleiche, alle glauben das gleiche: Wir bestärken uns nur noch gegenseitig."
Nein, weder der eine noch der andere Weg, weder die resignierende, noch die zornige Entscheidung ist die richtige: würde der Herr Boron wollen, dass wir alle Nichtgläubigen ausrotteten, würde er dann dieses Werk nicht selbst vornehmen, oder uns zumindest in die allersicherste, bestmögliche Situation hierfür versetzen? Da er es nicht tut, will er es also auch nicht. Aber auch das Resignieren will er nicht, da er uns seinen Willen zeigt und seine Hilfe bietet, da er allgegenwärtig Hilfe und Trost, Stärke und Freude zuteil werden lässt. Er lässt uns nicht im Ungewissen.
Der richtige Umgang mit den Menschen, die nicht an den Herrn Boron glauben ist der, den auch der Herr Boron selbst mit ihnen pflegt. Welches Verhalten sollte besser sein, als das, das unser Herr Boron selbst uns darbietet?
Da sein, überzeugend sein, wirkend sein, entschlossen sein – aber Freiheit lassen für die Entscheidung. Einerseits ist jeder Ungläubige, der interessiert auf einen von uns wegen seines Glaubens zukommt, zehnmal soviel wert wie einer, den wir gegen seinen Willen in den Tempel zerren. Andererseits aber kann keiner auf einen von uns zukommen, wenn wir selbst nicht durch gelebten Glauben ihm die Möglichkeit geben, auf unsere letzten Weisheiten aufmerksam zu werden.
Das ist der höchste Leitsatz für unseren Umgang mit den anderen Menschen in unserem Reich.
"Das war aber eine lange Hinführung für eine so kurze Botschaft", mögt ihr nun sagen. Und ihr habt recht, es ist eine lange Hinführung gewesen. Aber es war keine kurze Botschaft! Es war die wesentliche Botschaft, die ihr euch jeden morgen wiederholen könnt, und die Leitfaden eures Alltags werden soll, die ihr nur nach der notwendigen Einordnung verstehen konntet.
Nach der Einordnung, dass da Staat und Staatskirche sind, die in unserem Denken ständig gegenwärtig sind. Dass sie nicht nur notwendig, sondern unbedingt erforderlich sind für das Dasein der Menschen und der Gläubigen. Dass aber die Menschen und die Gläubigen der Berechtigungsgrund der Einrichtungen sind. Dass also die Einrichtungen auf den Menschen und den Gläubigen, nicht aber die Menschen und Gläubigen auf den Einrichtungen beruhen.
Nur so konntet ihr verstehen, worum es im Letzten ging: um den Kern von allem: um uns selbst. Nun sind alle Gläubigen Menschen, nicht aber alle Menschen Gläubige. Auf die daraus für Uns entstehende Herausforderung wollte ich euch aufmerksam machen. Denn wer dem Wesentlichen gerecht werden will, muss beim Wesentlichen suchen: Bei der Gemeinschaft der Gläubigen und der Gesellschaft.
Abschließend möchten Wir euch noch kurz voller Freude eine Uns persönlich treffende Fügung des Herrn Boron bekanntmachen: Die Äbtissinprima von Ujak, Schwester Caja Sá'kurat, und Wir haben uns entschlossen, zum 1. Tag des Freimondes des BORon in diesem Götterlaufe noch den Traviabund zu schließen.
(MAS)