"Nun, eine Geschichte wollt Ihr hören? Dann setzt euch und lauscht, vielleicht werdet ihr etwas lernen, denn ich werde euch von einem Mann erzählen, der unermüdlich die Worte des Wahren Glaubens predigt und dabei oftmals argen Gefährdungen die Stirne bot." Ra'tshá wartete, bis die Kinder sich im Schatten einer Dattelpalme niedergesetzt hatten, bevor sie sich dazu setzte und die Beine bequem im Schneidersitz verschränkte. Mucksmäuschenstill starrten sie die Frau an und warteten, daß sie endlich ihre Erzählung beginnen würde.
"Es ist noch gar nicht so lange her, da stritt sich der Akîb Maraladil mit Räubern und anderem gedungenen Gesindel herum, das von einer abtrünnigen Sahet des Akîbs angeheuert wurde, Angst und Schrecken in Démyúnem zu verbreiten. Fragt nur nachher eure Eltern, sie werden sich vielleicht noch daran erinnern können. Diese Sahet machte gemeinsame Sache mit den Brabakern, die sie mit Gold und Geschmeide bestochen und auf ihre Seite gezogen hatten. So kam es wieder einmal zum Streit zwischen dem kleinen Débar'Shel und dem großen Sylphur, wie so oft in den vergangenen Jahren, und das, obwohl die beiden Siedlungen schon immer auf vielerlei Arten miteinander verbunden sind. So kommt es nicht von ungefähr, dass trotz dieser Streite immer wieder fahrende Händler und Reisende aus beiderlei Reichen in den Siedlungen ein- und ausgehen, ihre Waren feilbieten und so manches Gerücht, so manche Neuigkeit und Nachricht mit sich bringen.
Zu einer solchen Zeit erreichte ein einsamer Wanderer Débar'Shel, erstmals betrat er die Siedlung, denn zuvor hatte ihn sein Weg niemals nach Démyúnem geführt. Er bat im Hause des Götterfürsten für einige Tage um Unterkunft, dafür, so versprach er, wollte er im Tempel zur Hand gehen und den Dienern des Allmächtigen Raben bei ihren täglichen Aufgaben helfen. So blieb er und erfuhr von den Räubern und Söldlingen, die Akîb Maraladil plagten und schließlich gar einige Siedlungen besetzten. Obwohl der auswärtige Wanderer hier fremd war, erkannte er doch die rechtschaffenden Werke des Akîbs, wie auch die frevlerischen Taten der untreuen Sahet und so half er Akîb Maraladil in seinen Anstrengungen, die kleinen Gemeinden wieder zu gewinnen und die Sahet dafür zu strafen.
Mehr denn zwei Jahre sollten auf dies Ereignisse folgen, bevor der fremde Wanderer erneut seinen Fuß auf démyúnemer Boden setzen konnte. Im Traviamond des 26. Götterlauf seit der Wiedererrichtung des Kemi-Reiches kamen die ersten Gerüchte darüber nach Démyúnem, dass in den Siedlungen des Umlandes von Sylphur ein wandernder Geweihter des Allmächtigen Raben die Worte und Lehren der Alleinseligmachenden und Heiligen Boron-Staatskirche den einfachen Leuten predigen würde. Die Diener des débar'sheler Basalthauses begrüßten diese Kunde wohlwollend und lobend in der Hoffnung begrüßt, die brabaker Nachbarn würden nun endlich den Wahren Glauben erkennen.
Schon bald, so wurde berichtet, schienen die Predigten bei so manchem wie ein junger Schössling im Herzen aufzugehen, wenngleich jener Priester mit gestrengen Worten den Alleinseligmachenden pries und mit ungleich gestrengeren Reden jedweden Irrglauben und selbst die nördlichen Kulte der elf göttlichen Kinder des Raben verdammte. Wie nicht anders zu erwarten war, wurden die Edlen Sylphurs alsbald auf diesen Prediger aufmerksam und ließen ihn fortan scharf beobachten. Mehr und mehr Gläubige lauschten seinen Worten und schon bald fanden sich einige, die mit ihm von Siedlung zu Siedlung ziehen wollten, um so weitere Worte hören zu können. Nun aber, so entschied man scheinbar zu Sylphur, hatte der Prediger jene unsichtbare Linie überschritten, hinter der die Edlen ihn gewähren ließen, wollten und konnten sie doch nicht dulden, dass ihm die Menschen in Scharen nachliefen und ihre Häuser und Siedlungen verließen. Dem Geweihten wurde es untersagt, weiterhin seine Irrlehren, wie es nun von Seiten der Sylphurer hieß, zu verbreiten, zudem sollte er die Umgebung der Stadt zu verlassen und in den folgenden fünf Jahren sollte es ihm auch nicht gestattet sein, diese wieder aufzusuchen.
Ungerührt von dieser Anweisung und das gerechte Wort des Allmächtigen Raben mit sich führend, wich der Geweihte keinen Deut zurück, vielmehr verdoppelte er gar seine Anstrengungen, dem Volk die Augen zu öffnen. Auf direktem Wege zog er gen Sylphur, nur noch in jenen Siedlungen kurz verweilend und predigend, durch die er dabei zog. Als er aber nur noch eine halb Tagesreise noch von dem Städtchen entfernt war, kamen ihm Gläubigen entgegengeeilt, die seine Worte vernommen hatten und von Plänen wußten, die ihm die Freiheit und womöglich gar sein Leben kosten würden. Der Prediger aber erkannte die Eigensinnigkeit und Engstirnigkeit seiner Widersacher und es war ihm gleich, was sie mit ihm anstellen würden, wußte er doch um den Samen, den er im Herzen der Leute gepflanzt hatte. Als die Gläubigen aber sahen, daß er trotzdem nach Sylphur ziehen wollte, da ängstigen sie sich um ihn und baten ihn so lange, bei ihnen zu bleiben und sie weiterhin zu führen, bis sie ihn schließlich doch umgestimmt hatten, denn der Priester erkannte nun selber, welch Verantwortung er für diese Menschen trug, die auf seine Worte hin Heim und Herd verließen. So kam es, daß der Priester nicht weiter gen Sylphur zog, sondern so unerwartet, wie er noch vor etlichen Tagen aufgetaucht war, auch wieder verschwand.
So manch einer vermutete sodann, daß die ausgesprochenen Drohungen in die Tat umgesetzt wurden und auch zu Démyúnem hatte man natürlich von den Gerüchten und der Geschichte des Predigers gehört, wie auch um dessen plötzliches Verschwinden und war arg verärgert über diesen unheiligen Ausgang. Nicht weniger verwundert aber war der Sah ni Nabire, Meganthy Pastimiu, als im Hesindemond der verloren geglaubten Prediger mitsamt der Schar seiner Gläubigen vor der Siedlung stand und um den Schutz für sich und die Gläubigen bat. Dieser wurde ihnen durch den Sah gewährt, der sie schwerlich abweisen konnte und wollte.
Gleiches galt für Akîb Maraladil, der den Prediger und seinen Räblein die Erlaubnis gab, am Ufer des Talurs eine Siedlung zu gründen, hatte man unweit dieser Stelle doch Gräber der alten Kemis gefunden. So entstand die Siedlung Corhallia innerhalb von nur einem Götterlauf und mit ihr die neue Heimat der Gemeinschaft, bestehend aus einfachen Wohn- und Lagerhäusern, sowie einem Boronschrein und einigen Feldern. Noch heute scheint die Gemeinschaft weiterhin zu wachsen, zwar. geht der Prediger nicht mehr so oft auf Wanderschaft, aber wenn er geht, dann folgen ihm immer wieder einige neue Räblein, die ihre alten Wege verlassen um Teil der kleinen strenggläubigen Gemeinde zu werden."
Ra'tshá hielt inne und schaute in die Gesichter der Kinder, die noch immer mit großen Augen an ihren Lippen hingen. "Na, wißt ihr nun, wer dieser Mann ist, der all dies mit dem Vertrauen und Wissen des Götterfürsten geschaffen hat?"
"Ja," riefen sogleich unzählige Stimmen, "es ist Bruder Pherdan."
Pherdan ist in mittleren Jahren, aber das Feuer seiner Predigten und die Gelassenheit mit der er seine Borondienste verrichtet sprechen für einen langen Dienst für den allmächtigen Raben. Bereits in jungen Jahren zog er mit einem Verwandten, einem alten Laienprediger, los, um das Wort des Herren in alle Winkel Deres zu tragen. Und schon bald darauf zog er alleine weiter und ab diesem Zeitpunkt war sein leben geprägt durch Predigten, dem Dienst an den Armen und Schwachen und natürlich von der Suche nach dem Willen des Allmächtigen. Er kümmerte sich um die Ärmsten der Armen, um die Verstoßenen und Irregeleiteten. Er wetterte wider die Obrigkeit, wo sie es verdiente, und die Fremden, die das Káhet gleich einem Geschwür immer wieder heimsuchten und Irrlehren verbreiteten, um die Herzen der Kemi zu täuschen. Er sammelte für die Errichtung von Schreinen und Tempeln und tat Dienst an vielen geweihten Orten.
Trotzdem war sein Leben immer von einer stetigen Wanderschaft geprägt, auch wenn er überall wo er predigte in den Herzen Schösslinge hinterließ, die wuchsen und erblühten, um den Herren wohlzugefallen. Erst nach seiner langen Wanderschaft durch Brabak hielt es ihn auf Drängen seiner dort gefundenen Räblein für längere Zeit an einem Ort und er übernahm die Leitung des Dorfes und der Gemeinschaft auch nach der Aufgabe Corhallias und der Abwanderung der Gemeinde nach Chereteru. Aber so ganz kann ihn wohl nichts an einem Ort halten und so zieht er immer wieder los, auch wenn er schon nach kurzer Zeit wiederkehrt, um die Gemeinschaft zu führen und nicht allzu lange ohne Obhut zurück zu lassen.
Pherdan ist von der schlanken, drahtigen Gestallt eines Asketen und trägt stets eine einfache schwarze Kutte, sowie ein Amulett, welches die göttliche Rabengestalt des Herren zeigt. Ein einfacher Wanderstab und eine von eigener Hand geschriebene Fassung der Heiligen Schriften sind seine ständigen Begleiter.
von Holger Dirscherl