Noch am selben Abend verließ Schwester Caja an der Spitze ihrer Delegation das sommerliche Almada, um wieder zurück nach Kemi zu reisen und dort von der Wiedergeburt eines alten Kultes zu berichten [...]"
Schon seit Menschengedenken verehrte das südliche Dschungelvolk der Kemi einen Totengott als den Fürsten und Vater der anderen Gottheiten. Viele Eroberer hatten versucht, dem Volk einen anderen Glauben aufzuzwingen, doch sie alle waren kläglich an der uralten Tradition der Kemi gescheitert, die - oftmals im Verborgenen und unter ständiger Bedrohung aufrechterhalten -, das Volk niemals vergessen ließ, wer es auch in dunkelsten Zeiten behütete und führte. So war es nicht verwunderlich, daß mit der Krönung Nisut Peri III. Der Boron-Kult zur Staatsreligion des kleinen Königinnreichs erhoben wurde. Doch worin liegen die Besonderheiten dieses, ältesten und zugleich jüngsten Kultes des Boron? Was hebt die Religion der Kemi so vom Puniner Ritus und den als Ketzer und Häretiker verachteten Al’Anfanern ab?
Wie in Al’Anfa auch, nimmt Boron, der Herr, in Kemi die unangefochtene Stellung des Götterfürsten ein, was zu früheren Zeiten die freundschaftlichen Bindungen zum Horasiat um ein Haar verhindert hätte. Lediglich die Einschränkung der Kemi, daß die Götterherrschaft des Herrn Praios über die "nördlichen Lande" anerkennenswert sei, verhinderte damals ein Scheitern der Friedensverhandlungen.
Im Unterschied zu den prunkvollen al’anfaner Geweihten legen die seit Urzeiten harte Entbehrungen und Mangel gewöhnten kem’schen Boronis erhöhten Wert auf "borongefällige Askese". So ist ihnen jeglicher persönlicher Besitz bis auf Kutte, Pferd und Waffe versagt, da dem Herrn "Bescheidenheit und Demut" gefällig sei. Ein beredtes Beispiel ist hierfür auch die Titulatur der kem’schen Hohepriesterin Boronya Ni Nedjhit: Obschon Führerin eines eigenständigen Kultes ist sie lediglich mit ‘Euer Eminenz anzusprechen.’
Angehörige des Kem’schen Kultes nehmen das in Punin streng, in Al’Anfa eher locker befolgte Schweigegebot wenig Ernst, denn wie der Hl. Laguan vor nahezu zweitausend Jahren verkündete: "Nur Seiner Worte Weisheit mag die Blinden zu Ihm führen. So tragt diese Worte hinaus in alle Länder!" Der kem’schen Kirche ist demnach die Missionierung der ungläubigen Waldmenschen und Kolonisten ein wichtiges Anliegen, und selbst die unwirtlichsten und abgelegensten Dschungelgebiete schrecken sie nicht ab.
Selbsttötungen zu Ehren des Herrn - wie in Al’Anfa üblich - lehnen die Geweihten Kemis als "übelste Häresie" entschieden ab, denn nur "dem Herrn sei es anheim, zu entscheiden, wann ein Mensch sich einzufinden hat vor Rethon." Und so suchen viele fromme Kemi - insbesondere die Angehörigen der überlebenden uralten Sippen die Nähe zum Paradies des Herrn durch den Dienst im die kem’sche Kirche dominierenden ‘Orden der Wächterinnen und Wächter des Heiligen Raben zur Insel Laguana’, eines bewaffneten Boronsordens, der sich neben dem Kampf gegen Siebtsphärler, Ketzer und Namenlosendiener auch zahlreicher karitativer Aufgaben widmet.