Die Kemi*

Als anno 1867 v. S.G. die kleine Flottille der bosparanischen Conquistadores das Astarôth-Delta erkundete und alldorten am Ufer von den unbedarften Einheimischen freundlich empfangen wurde, da nahmen die selbstgefälligen Entdeckerinnen und Entdecker die ihnen in großer Zahl dargebotenen Schmuckstücke, die schön gefärbten Tuche, die vortrefflich gearbeiteten Bronzewaffen und dergleichen mehr zwar gerne als Präsent, nicht aber als Anzeichen einer uralten Hochkultur, die der eigenen in vielen Bereichen ebenbürtig, wenn nicht überlegen war.
Für lange Zeit sollte die beiderseitige Verehrung eines rabengestaltigen Totengottes die einzige Gemeinsamkeit zwischen den beiden Völkern bleiben, da die Bosparani mit dem Hochmut des Eroberers kaum die Grundverschiedenheit der stolzen Eingeborenen, die sich daselbst "Kemi" nannten, von den anderen unterworfenen Waldmenschenvölkern anerkannten. Die Kemi hingegen sahen in den sonderbaren, leichenblassen Ankömmlingen unzweifelhaft himmlische Gesandte ihres Herrn Beren, da ihre Haut noch viel heller und somit heiliger war, als die eigene, wo man bis dato doch schon von sich selbst gedacht hatte, das "Erwählte Volk" des Einen, des Allerbarmers, zu sein. Es sollte lange dauern, bis die Kemi erkannten, daß die Fremden Sterbliche von Fleisch und Blut waren - da aber waren Glanz und Glorie des einstigen kem'schen Großreiches längst vergangen und dahin, in den Staub getreten von einer Handvoll bosparanischer Gouverneure und einigen wenigen Besatzungssöldlingen...
Umgekehrt berichtete der berühmt-berüchtigte Conquistador Quirin Zaccaria seiner Kaiserin Asmodena Horas erst anno 1818 v. S.G. 'von eynem gar verwunderlychen fremdten Volck allhier im Suedtlandte, welchselbyges itzund eyne Haut wie von reynem Benbukkel habet'. Auch zeigte sich der verderbte Herr Zaccaria, der kem'sche Tempel und Paläste plündern ließ und unvorstellbare Kostbarkeiten und Reichtümer anhäufte, fürbaß erstaunt von der Disziplin und Unterwürfigkeit des kem'schen Volkes, das die Stände der Geweihten und der Berufskrieger und -kriegerinnen zu kennen schien, selbst harte Fehde gegen sämtliche umliegenden Waldmenschenvölker - oftmals verbündet mit den ebenfalls im Süden heimischen Echsenvölkern - führte und manches von ihnen erbarmungslos unterwarfen und versklavte. Von den verbündeten Kaltblütern schienen die Kemi auch ihre obskure, frühzeitliche Glyphenschrift übernommen zu haben, deren viele Schriftzeichen sie in Stein schlugen, in Lehm ritzten oder mit verschiedenfarbiger Tusche auf Papier oder Papyrus übertrugen, gewonnen aus den Fasern der Agave oder dem Schilf der sumpfigen Flußläufe. Die Bücher der Kemi waren zwei bis drei Schritt lange Papierstreifen, die durch mehrmaliges Knicken und Falten zu einem handlichen Format zusammengelegt wurden. Auch Schriftrollen, oft mehrere Schritt lang, waren rege in Gebrauch, da die Kemi seit jeher ein besonderes Faible für die Bürokratie hatten. Von besonderer Angesehenheit war deshalb auch der Stand der Schreiberlinge, die in auch heute noch gut besuchten Schreibschulen ausgebildet wurden.
Die Kenntnis aller Schriftzeichen und der wunderbaren Vielfalt der kem'schen Lautsprache oblag zudem den hochverehrten Rabengeweihten, die als Vollzieher und Vollzieherinnen der grausamen und blutigen Opferritualien Herren über Leben und Tod waren und die sich vom gemeinen Volk durch das Privilegium abhoben, als Alleinzige Gewandung in Schwarz, der Heiligen Farbe des Herrn, tragen zu dürfen. Die Kleidung des Landvolks war ganz dem schwülwarmen Klima der mittäglichen Dschungellande angepaßt. Die Männer trugen und tragen im allgemeinen nur den üblichen kem'schen Dreiecksschurz, bisweilen auch das entsprechende Kopftuch, dazu bei feierlichen Anlässen einen leichten Umhang, derweil die kem'schen Frauen in langen, hemdartigen Gewändern mit bunt besticktem Saum einhergehen. Jedwede Berufsgruppe, seien es nun die Pflanzer oder die Fischerinnen, die Steinschneider oder die Kriegerinnen, gaben sich nach außen hin durch die Farbe ihrer Gewandung und ihrer Gesichtsmalerei zu erkennen, wobei sich die Männer wie die Frauen die Gesichter oftmals auch mit fein tätowierten Glyphenzeichnungen verzierten.
Den kem'schen Kriegern und Kriegerinnen war die traditionelle Kampfbemalung in rot und schwarz, den Farben des Krieges und des Todes, vorbehalten, sie waren mit den gefährlichen bronzenen Sichelschwertern, Speereisen, Lanzen und Keulen bewaffnet, und suchten jeglichen Feind im voraus durch das furchterregende Getöse ihrer Pfeifen, Rasseln, Muscheln und Schildkrötenschalen zu erschrecken. Im Krieg trugen die Kemi im Allgemeinen keinen Schmuck und schützten sich höchstens mit einem ledernen Schild. Erst später, während des Neuen Reiches, kamen Rüstungen aus Bambus oder Hartholz in Gebrauch.
Auch das seltsame körperliche Aussehen der Kemi deuchte den Weißen wie den Waldmenschen fremdartig und erschreckend: Sie alle waren groß gewachsen, von muskulöser Statur und von feinen, nahezu nordländischen Gesichtszügen. Die Kemi kennen keine Scheu, ihre gutgewachsenen Körper zu zeigen, die Haartracht ist bei den meisten Männern und Frauen kurz gehalten, und so dem Klima zuträglich, während man bei zeremoniellen Anlässen gerne ausladende Perücken aus schwarzen Tierhaaren trug. Zur Zeit des neuen Reiches änderten sich die Moden zugunsten von mehr Abwechslung, damals wurde das Haupthaar sowohl lang wie kurz, häufig auch in Zöpfen oder mit bunten Federn und Perlenschmuck verziert, getragen.
Die wundersamen Städte der Kemi deuchten den weißen Eroberern und Eroberinnen über alle Maßen fremd und märchenhaft: Paläste gab es alldorten, die wie auf den Kopf gestellt schienen - sie waren oben breiter als unten. Andere wieder glichen Pyramiden, die sich stufenförmig nach oben verjüngten. Bizarre Tempeldächer waren von kunstvollen, einem riesigen Hahnenkamm ähnelnden First gekrönt. Jeder Tempel und Palast stand auf einem angeschütteten Hügel, so daß man zu ihnen auf steilen Treppen emporsteigen mußte, deren Stufen zumeist so schmal waren, daß man sie nur auf Fußspitzen oder mit seitlicher Fußhaltung ersteigen konnte.
Die Häuser der einfachen Leute hatten fast nie Fenster. Licht und Luft erhielten sie alleine durch die Türöffnung, die niemals rahjawärts ging, denn der Westen galt als Himmelsrichtung der Nacht und der verderbten Daimonenbrut! Der gewöhnliche kem'sche Haushalt des einfachen Volkes wirkte äußerst bescheiden, es gab weder Tische noch Stühle - wichtigstes Einrichtungsstück war die Bastmatte, die zugleich als Ruhestatt, Sitzunterlage und als Tisch diente. Ganz im Gegensatz dazu schienen die Paläste der Reichen. Luftige Räumlichkeiten, verschönert durch zahlreiche Säulen und kostbare, kunstvoll geschnitzte Möbel zogen sich meist im Karree um einen Innenhof, in dem künstliche Teiche, Brunnen und Gärten angelegt waren. Wohlhabende Kemi ließen sich gern von ihren Sklaven in Sänften übers Land tragen oder von diesen in einer Art Kutsche ziehen, derweil der Stand der Träger und Trägerinnen einen Tagesmarsch von dreißig Meilen mit bis zu vierzig Stein Rückenlast bewältigen konnte, die man an Stirnbändern trug, so daß sich das Gewicht geschickt auf Schulter, Kopf und Rücken verteilte - zu diesem Zwecke waren Wägen aufgrund des morastigen und schwierigen Umlandes nicht in Gebrauch. Rund um die Vielfalt der Städte und Dörfer der Kemi, zumeist an großen Flußläufen im Landesinneren gelegen, lagen die Maisacker und Hängegärten der Pflanzer, wo man Hirse, Reis, Zuckerrohr, Bohnen, Maniok und Kürbisse zog.
Einer der vielfältigen Gründe für den langanhaltenden, ungebrochenen Siegeszug der Horas-Conquistadores mit ihrer verschwindend kleinen Söldlingsschar in den Ländereien der Kemi, war die Furcht derselben vor den Streitrössern der Bosparani in ihren blinkenden Rüstungen und Schabracken. Die Kemi selbst nämlich kannten diese Art von Tieren nicht, und so vermuteten sie in einem aufgesessenen Reiter in metallener Rüstung zu Anfang ein unverwundbares, dämonisches Monstrum.
Heute sind unter den Untertanen Ihrer Majestät Peri III. nunmehr nur noch der zehnte Teil reinblütige Kemi. Die meisten siedeln noch immer in ihrer ursprünglichen Heimat, der Halbinsel von Hôt-Alem (heute: Tárethon) und in den angrenzenden Gebieten Ost-Terkum und Süd-Ordoreum. Kannten sie früher kein schlimmeres Sakrileg und keinen größeren Frevel am Herrn, als die eigene, erwählte Blutlinie durch Vollziehung des Rahjaaktes mit einem oder einer Wilden aus den umliegenden Barbarenwäldern zu besudeln, so änderten die Kemi ihre Haltung in Bezug auf die weißen, "borongesandten" Einwanderer und Einwanderinnen, mit dem Ergebnis, daß diese heuer die Mehrheit der Bevölkerung stellen und alsbald wohlweislich ein weiteres Volk der aventurischen Ureinwohner und Ureinwohnerinnen durch Vermischung mit den weitaus zahlreicheren Mittelländern in Vergessenheit zu geraten drohte... wäre da nicht die Wiedergeburt eines unabhängigen Reiches der Kemi unter Nisut Peri III. und die - vor allem durch die Rabenkirche geförderte - Rückbesinnung auf die glorreiche Vergangenheit das Hauuptanliegen der heute herrschenden Würdenträgerinnen und Würdenträger...


Die Werte:

Mut mind. 11 Gewandtheit mind. 12
Aberglaube mind. 6 Totenangst max. 4
Größe 1,46 + 4W6 (1,50 - 1,70 Schritt) Gewicht Größe - 110 Stein

Herkunft, Stand der Eltern (W20):

unfrei (im Krieg versklavt)
2-10arm (Fischer/in, Pflanzer/in, Jäger/in, Priester/in)
1-18mittelständ. (Händler/in), Handwerker/in, Soldat/in)
1-19reich (Baumeister/in, Beamt/in)
20adlig (Sahet, Akîb/et)


Talent-Modifikation bei kem'scher Abstammung:

Boxen -1, Hruruzat +5, Infanteriewaffen -2, Lanzenreiten -2, Klettern +1, Körperbeh. +1, Reiten -2, Schleichen +1, Selbstbeherrschung +2, Zechen -1, Etikette -1, Sich verkleiden +-2, Fährtensuche +1, Pflanzenkunde +2, Orientierung +1, Wildnisleben +2, Alte Sprachen (Kemi) +1, Geographie -2, Götter und Kulte +1, Magiekunde -1, Mechanik -1, Sternkunde +2, Abrichten -1, Boote Fahren +1, Fahrzeug lenken -3, Heilkunde Gift +2, Lederarb. +1, Schlösser -2, Taschendiebstahl -1, Töpfern +2, Gefahreninstinkt +3, Glücksspiel -1, Sinnesschärfe +2


*) Die Beschreibung bezieht sich auf DSA3-Regeln. Entsprechende DSA4-Modifikationen für Kemi findet man in den entsprechenden Regelheften von FANPRO. In der Spielhilfe "Meridiana" (2004) wird die typische Kemi-Profession "Schreiber" regeltechnisch dargestellt.


von Stefan Tschierske

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