Die Flotte des Káhet Ni Kemi

Schon lange bevor die Flottille Admiral Sanins das Südkap umrundete und die Gestade der Lande am mittäglichen Meer kartographierte, hatten sich die Kemis des Herrn Efferds Elemento und Windwasser Untertan gemacht, um entlang der Küste und auf den großen Strömen zu reisen oder gar über das offene Meer zu den verheißungsvollen Eilanden der hehren Ahnen zu gelangen. Über Jahrtausende hinweg fundierte der allgesamte kemische Handel allein auf der Flußschiffahrt auf den Brüderflüssen Mysob, Tirob, Jalob und vor allem auf dem Astarôth - der Lebensader des Kemi-Reiches!

Nur auf den großen Flüssen, auf einer Unzahl von heute archaisch anmutenden Nachen und Barken, konnten quaderschweres Baugestein von den Basaltbrüchen des Mittelgebirges landeinwärts befördert werden, wo Fischerdörfer und bedeutende Städte den Flußlauf säumten. Selbst der Wasserstand des Astarôths und der benachbarten Flüsse wurde von den Kemis mittels Meßlatte ständig überwacht: Je höher die Fluten stiegen, desto mehr Schlamm war zu erwarten - und um so ergiebiger fiel die Ernte aus.

Auch die Mächtigen jener Zeit, seien es nun die Repas der einstigen Provinzen, die Priesterschaft des Rabens oder gar der Nefer oder die Nisut selber, geruhten in prächtig anzusehenden, zuweilen leidlich prunküberladenen Ruderbarken aus erlesenem Tiik-Tok-Holz zu reisen, durch die sich die eigene Hochkultur endgültig über die benachbarten Eingeborenenstämme in ihren Schilfbooten erhob. Bis ins heutige Kemi-Reich unter Peri der Erneuerin sind wohl noch einige Dutzend der alten Barken in Gebrauch, die selbst heute, da mit den weißen Einwanderern und Besatzern auch Rösser und andere Lasttiere ihren Einzug ins ehemalige Südmeer-Protektorat hielten, als Verkehrs- und Transportmittel unabkömmlich sind.
Nach althergebrachtem kemischen Brauchtum fahren die Barken alljährlich am "Tage des Wassers" (1.FEF) im blumengeschmückten Konvoi vom Khefuer Hafen stromaufwärts bis hinauf zum grünen Zeni Ach'irtyu-See im Herzen Laratusais, wo man den Herrn allen Wassers in feierlichem Zeremoniell mit allerlei Opfergaben preist.

Die tatsächliche (Hochsee-) Flotte des Königreichs und deren vorderdringlichste Aufgabe der Geleitschutz eigener und befreundeter Handelsschiffe gegen den Zugriff des Freibeuter-Gelichters aus Al'Anfa und Charypso ist, unterteilt sich in die "Kernlands-Flotille" und die "Waldinsel-Schwadron".
Das Rückgrat der Letzteren bilden in erster Linie die acht Drachenschiffe der Al'Anfaner-Tod-Otta des Torben Jandarasson (des Bruders der anderswo steckbrieflich gesuchten und unterdessen im Kampf gefallenen Thorwaler-Piratin Iskra Smorebrod), der von der Nisut auch zum Gouverneur der Inselprovinz Neu-Prêm erhoben wurde.
Ihr Verband, der zumeist als schnelles Jagdgeschwader zum Einsatz kommt, ist offiziell im Hafen der Archipels-Hauptstadt Re'cha stationiert, wiewohl er auf Patrouillenfahrt allerorten in allen Windeswassern um die mittleren Waldinseln anzutreffen ist. Weiterhin zur Eilands-Schwadron gehörig sind die ebenfalls auf in Syker auf Pet'hesá stationierte Kogge "Semát Resi" und die vor Tásebá liegende Schivone "Semáu", die auf Cháset beheimatete Kogge "Keku" unter dem erfahrenen Seebären Käpt'n Arrîn, die zumeist vor Aeltikan ankernde, ehemals al'anfanische Trireme "Háti Hesá"; und schlußendlich die in Kemhaven auf Benbukkula liegende moderne Schivone der horasischen Verbündeten "Königin Peri".
Während der thorwalsche Gouverneur von Neu-Prêm gemeinhin als "Mann für's Grobe" verschrieen ist, dessen Thorwaler vor allem in Bataillen mit der Armada des übermächtigen Erzfeindes Al'Anfa zur Höchstform auflaufen, ersinnt die kemische "Flottentaktik" ein anderer - Admiral Listhelm Setepen, der das ehrbare Capitains-Handwerk in Diensten der Neersander Osthandelskompanie erlernte, nach deren Konkurs er seiner jungen Base Peri in die mittäglichen Lande folgte. Kurz nach ihrer Thronbesteigung vertraute die Nisut ihrem Vetter das Kommando über das im Hafen von Khefu liegende königliche Flaggschiff an, die stolze Trireme "Hemat", die nun auch den Admiralsstander der Kernlands-Flottille trägt. Gleichsam zur Festlandsflotte ist die in Táyarret beheimatete Trireme "Chentked'kesen"zu zählen - der Hauptstützpunkt aber ist der schwerbefestigte Kriegshafen Sendsh'gerhi, der die rotzenstarrende Karracke "Tepdaru" und die beiden kampferprobten horasischen Schivonen "Heil Dir Horas" und "Königin Amene", dazu noch etliche Unterstützungsfahrzeuge und Bombardenflöße. Ganz neu ist die hochmoderne Schivone "Tichem", die das Reich erst im Jahre 27 S.G. nach dem Erhalt horasischer Zahlungen für von Kemi abgetretene Rechte auf den äußeren Waldinseln erstand.
Die Schivone Semáu vor Sefechnu Sebá.
Während sich in der Hauptstadt Khefu das "Haus der Seeleute" befindet, wo altgediente und kriegsversehrte Matrosen der königlichen Flotte aufgenommen werden, ist in Sendsh'gerhi die einzige "Werft" des Königreiches lokalisiert - läßt man die kleine Schiffszimerei in Yleha/Stadt einmal außer Acht -, gleichwohl die "Bootszimmerey und Reede des Heyligen Kacha" diese Bezeichnung früher kaum verdiente. Allhier werden - dank königlicher Subventionen - ab dem Jahre 30 S.G. neben den altbewährten Barken auch kleinere Galeeren gebaut.

Abschließend sollen noch die z. T. unter kemischer Flagge fahrenden Handelsschiffe Erwähnung finden, so etwa der bewaffnete Holken "Stern des Südens", die Karavellen "Rubin" und "Altoumbarbe" und die dickbauchigen Potten "König Kachan" und "Halmar", die sich samt und sonders im Besitz der Familie Pâestumai befinden. Von den Häfen des Inselarchipels sticht die kleine Flotte des Handelshauses Al'Plâne mit seinen gut gerüsteten, modernen Schiffen gen Brabak und Vinsalt in See, derweil die beiden Zedrakken "Monthu" und "Imenhat" der Reederei Mezkarai aus San Torin auch in diesen Zeiten eifrig Handel mit dem befreundeten Aranien und den Tulamidenlanden treiben. Die schwarzen Kähne der Staatskirche schließlich, die tagtäglich zwischen Khefu und der Mole des heiligen Eilandes Laguana verkehren, wurden schon so manchem unbedarften Freibeuter-Kapitän zum Verhängnis, der das Schiff - in der Annahme, es handele sich um einen al'anfanischen Kauffahrer - aufbringen ließ, und im Laderaum, statt reicher Beute, auf ein Banner Laguaner stieß...

von Stefan Tschierske

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