Der Magus ist eine der schillerndsten Persönlichkeiten aus dem engsten Kreis um Ihre Majestät. Zugleich konnte er sich bis zum Friedensschluß Kemis mit dem Mittelreich rühmen, auf den Fahndungslisten der Mittelreicher ganz oben zu stehen. Der Maraskaner wurde in Boran als zweiter Sohn der wohlhabenden Adelsfamilie derer von Cavazoab geboren, und absolvierte die Schule des Wandelbaren zu Tuzak mit Erfolg. Nach seinem Abgang von der Akademie setzte
er seine Ausbildung als Adept seiner Mutter Elora (die dem linken Weg der arcanen Kunst zugetan war) fort. Sein Vater war Oberst des aus der Baronie Cavazoab rekrutierten Regiments "Garethja-Schlächter" und fiel bei der Schlacht von Jergan gegen die Kaiserlichen. Nach dem Tode seiner Mutter - die von einem konkurrierenden, mit der Besatzungsmacht kollaborierenden Adeligen ermordet wurde - floh der junge Magier vor den anrückenden Kaiserlichen aus den heimischen Ländereien und beteiligte sich als Untergrundkämpfer aktiv am Kampf gegen die verhassten Besatzer. Im dritten Jahr der reich'schen Besatzung Maraskans fiel Dios Bruder Rurek in die Hände der kaiserlichen Häscher und wurde durch Folter zum Verrat gezwungen. Auf die Ergreifung des Baronserben von Cavazoab wurde ein Kopfgeld in Höhe von 100 Dukaten ausgesetzt und seine Untergrundorganisation zerschlagen. Im letzten Moment konnte Dio de Cavazo jedoch über Thalusa und Sylla ins Kemi-Reich fliehen - nicht jedoch, ohne vorher seinem eigenen Bruder die Kehle durchzuschneiden.
Im Süden avancierte er unter falschem Namen schnell zum Hofmagier des mittelreichischen Kolonial-Protektors von Halberg und behielt diese Stellung auch nach der Inthronisierung Nisut Peris inne. Diese schätzte bald die unkonventionellen Ratschläge ihres merkwürdigen Hofmagiers der es verstand, durch wahre Virtuosität in der hohen Kunst der Intrige, Lüge und Täuschung erfolgreich ihre Herrschaft zu festigen. So kam der machtbesessene Maraskaner bald an das Amt des Cancellarius der Kemi und verfügt damit über den im Kemi-Reich mächtigen Beamtenstand über einen enormen Einfluß.
Außenpolitisch war Dio insgeheim ein Anhänger der al'anfanischen Lebensart und auch heute noch schätzt er Großexecutor Irschan Perval als guten persönlichen Bekannten. Doch die von AlAnfa angestrebte Dominanz über das Kemi-Reich rief immer schon seinen Widerspruch hervor und ließ Versuche einer kem'sch/al'anfanischen Annäherung nicht über ein unverbindliches Stadium hinauskommen. Anfangs war er einer der größten Skeptiker gegen das kem'sch-horasische Bündnis, doch die kluge horasische Politik der Nichteinmischung in kem'sche Angelegenheiten hat ihn letztendlich zu einem der einflußreichsten Verfechter des Südmeerpaktes entwickelt und maßgeblich zur Gründung der "Goldenen Allianz" beigetragen.
Das Hauptinteresse des Kanzlers galt viele Jahre lang der Erweiterung seiner Macht zuungunsten der Staatskirche, denn in seinen Augen weiß er am besten, was für das Reich gut ist - und das war lange Zeit genau das Gegenteil von dem, was seine ehemalige Hauptgegnerin, Eminenz Boronya von Nedjhit, dafür hielt. Nachdem der Kanzler vor der Thronfolgekrise eher um eine Annäherung an die Kirche bemüht war, um gemeinsam mit Ihrer Eminenz den für beide Seiten günstigen Status Quo zu festigen, hat er sich im Verlaufe der Krise zur Unterstützung von Cronprinceß und Nisut durchgerungen - daß ihm dafür die Erhebung zum Repa zuteil wurde, die am 1. Tag des Boronmondes im Jahre 28 S.G. mit einer pompösen Feierlichkeit zu D&áset vollzogen wurde, ist längst kein Geheimnis mehr. Auch in den folgenden Jahren blieb der Kanzler nicht untätig: Mit Eifer betrieb er die Annäherung an die alteingesessene immens einflußreiche Mezkarai-Familie und möglicherweise wird sein "Augenstern", Tochter Komira Boronya, dereinst ein Mitglied dieser Familie werden.
So
fortschrittlich gesinnt Dio auch sein mag, seine ganze Liebe gilt der Stärkung des Kemi-Reiches, und so ließ ihn sein feines Gespür bald merken, daß die Zeiten des Kampfes gegen die Boronskirche vorüber waren und, im Gegenteil, Volk und Gesellschaft nach der Sicherheit und Selbstverständlichkeit des Glaubens dürsteten, um im Schatten der jahrtausendealten Traditionen Stärke, Mut und Zuversicht zu finden. Dio de Cavazo setzte sich, wie es einem wendigen Realpolitiker selbstverständlich ist, sogleich an die Speerspitze dieser Bewegung, läßt seitdem seine Tochter im Glauben an den Rabenherrn erziehen, fördert zahlreiche religoöse Stiftungen und Tempelbauprojekte in seinen ehemaligen djunizer Stammlanden und unterstützt vorbehaltlos die auf zunehmenden Einfluß der Boronskirche abzielende Politik der neuen Nisut Ela XV. Obschon sein Einfluß auf die junge Nisut nicht so stark ist, wie er es sich erhoffte, indem er ihr Studium in Methumis betrieb, so gelang es ihm doch, Elas Ansichten auch zu mäßigen, so daß dieses letztendlich doch noch in die Heirat mit dem brabakischen Kronprinzen Peleiston (einem "Irrgläubigen") einwilligte und sowohl den Friedensschluß mit dem Mittelreich als auch die Gründung der "Goldenen Allianz" tatkräftig verfolgte.
Dio C. de Cavazo ist vom Aussehen her eine eher unscheinbare Gestalt, von sehr dünnem Körperwuchs und nicht hervorstechender Größe, doch ist seine Gestalt stets wohlgepflegt, das schulterlange, glatte, dunkelblonde Haar in der Öffentlichkeit immer unter einer prächtigen Alongeperücke verborgen und der Blick seiner stahlgrauen Augen sein bevorzugtes Mittel, Furcht oder Sympathie zu erzeugen. In Unterhaltungen entpuppt sich Dio schnell als ein bitterböser Zyniker, der nur selten Respekt zeigt und ungeniert Tabuthemen anspricht und festgefügte Ansichten in Frage stellt. Er haßt alles Kaiserliche mit Inbrunst, kann diese - wie auch alle anderen - persönlichen Gefühle jederzeit nach Gutdünken zurückstellen - wie seine Mitwirkung bei Friedensschluß mit Gareth, wo er als liebenswürdiger und höflicher Verhandler auftrat, zeigte. Um seine Ziele zu erreichen, ist der Maraskaner zu fast allem bereit - niemand kann abstreiten, daß er ein machtgieriger und skrupelloser Intrigant ist. Er liebt es, gegenüber anderen seine intellektuelle Überlegenheit auszuspielen, legendär sind seine Polemiken und Angriffe gegen bedauernswürdige Redner auf diversen Adelskonventen.
Sein Lebensstil ist geprägt von Luxus und Prunk; ebenso wie beim Glauben an die maraskanische Göttersicht ist Dio in dieser Hinsicht der Staatskirche fern geblieben. Er verabscheut die übliche Magierkleidung und ist stets nach der allerneuesten vinsalter Mode gekleidet, wobei er darauf peinlich darauf achtet, jederzeit den horasischen Gesanden Adîlron ay Oikaldiki auszustechen. Ebenso tadellos wie seine Garderobe sind die Manieren des prunkliebenden Magiers, der auch gerne einmal Bälle nach vinsalter Hofzermoniell abhält, zu denen nur die allerwichtigsten Mitglieder der kem'schen Gesellschaft geladen werden. Dort wird dann zu erlesenen Speisen und Getränken und beim Tanz nächtelang über Kunst, Mode und Politik philosophiert, wobei Dio es liebt, sich über seine Fachgebiete Magie, menschliche und tierische Anatomie und Alchemie zu verbreiten.
Doch daneben verfügt der Kanzler auch über eine dunkle, nahezu unbekannte Seite, von der allerhöchstens hinter vorgehaltener Hand Gerüchte verbreitet werden. So erzählt sich das Volk vom schrecklichen Schicksal vermeintlicher oder tatsächlicher Verräter an Reich und Krone, die, festgesetzt von des Kanzlers Schergen, in den tiefen Verliesen seines kleinen Refugiums um den Alten Leuchtturm von Hôt-Alem, ein unerfreuliches Schicksal in der Gewalt des heimlichen Chimärologen zu erleiden haben. Auch zahlreiche Morde, "Unfälle" und grausame Verhöre werden dem Kanzler in die Schuhe geschoben und mit Sicherheit nicht alle zu unrecht.
In jüngster Zeit wird Dio immer exzentrischer, er hält sich mehr und mehr öffentlichen Verantsaltungen fern, scheint nicht mehr mit der vollen Aufmerksamkeit dem politischen Leben zu folgen und ist brennend fasziniert vom Studium alter echsischer Texte. Ob dies einen Zusammenhang seiner vehementen Unterstützung der Abtretung Ost-Mer'imens und Démyúnems an die Achaz zu tun hat ist unbekannt. Gerüchte, wonach der Kanzler am "Charazzar-Syndrom" (also einer zunehmenden "Verechsung" seiner Gestalt) leidet, können jedoch nicht bestätigt werden.
Der Cancellarius ist mit Akîlja Algerîn verheiratet, die ihm schon seit frühester Jugend in inniger Liebe verbunden ist, daneben pflegt er eine leidenschaftliche Beziehung zur Elfe Saga Mondlicht sowie zur Nedjeset Charya de Richemon Ni Ynbeth. Von Akîlja hat er zwei Töchter, seinen Sohn Setepen aus der Beziehung mit der nisutlichen Hofheroldin Amanda Lôhmez hat er nach einem Streit vor vielen, vielen Jahren verstoßen. Persönlich umgibt er sich gerne mit unkonventionellen Gesprächspartnerinnen, und viel Wohlwollen haben in seinen Augen die junge Yohîl Mezkarai aber auch Atides dylli Ayodon erregt, mit denen er sich gerne trifft um über allerlei interessante Themen zu debattieren.