Der Konventsbericht

Von Rat und Tat des kemschen Adels -
Der Kleine Adelskonvent tagte zu Re'Cha

Strahlend bescheint an jedem Morgen die Praiosscheibe die gewaltigen Ruinen der Stadt Re'Cha, welche da ist Hauptstadt der Ta'repa Neu-Prêm. Flirrendes Licht, reflektiert von den Myriaden kleiner Wellen der Lagune spiegelt sich in gewaltigen granitenen Wänden und Seevögel kreisen mit heiseren Schreien über der Stadt. Mitten in der Weite der Südsee wurde dieses gewaltige Zeugnis menschlichen Tatendrangs erbaut, auf einem fast ringförmigen Atoll, welches eine große Lagune umschließt. Nähert sich ein Schiff, so meint der Ausguck eine Festung direkt aus den Wassern des Herrn Efferd wachsen zu sehen. Bastionen, Wellenbrecher, Mauer über Mauer, so ragt es auf, das stolze Re'Cha. Kommt unser Schiff jedoch näher, so stellt die Besatzung fest, daß die Stadt verfällt. Nur der Westteil ist bewohnt, denn wer besitzt schon die gewaltigen Summen an Gold, um die mächtigen Hinterlassenschaften der ehemaligen Erbauer zu erhalten? Sturm und See fordern ihren gnadenlosen Tribut und nagen unerbittlich an dem künstlichen Gebilde: "Tand, Tand von Menschenhand" wie der Poet zu sagen weiß. Und dennoch trotzt Re'Cha den Elementen und hält Wacht für Herr, Nisut und Kahet. So war es schon immer, so wird es immer sein, denn so hat's der Herr Boron in seiner unendlichen Weisheit gefügt.
Am Morgen des 16. Tages des Freimondes Ingerimm im 25. Jahr der Gründung des Königinnenreiches versammelten sich der Kleinadel des Kahet ni Kemi in der Stadt Re'Cha, um im Konvent dringende Regierungsfragen zu beraten und um einen neuen Secha zu wählen, der ihre Stimmen in den Cronrat tragen solle. Denn die Amtszeit Seiner Hochgeboren Thorn M. Margatnep, Akîb ni Seku Kesen, näherte sich ihrem Ende. Die Nisut hatte zur Versammlung gerufen und so eilten die Sahets und Sahs, die Akîbets und Akîbs, um den Wunsch Ihrer königlichen Majestät zu erfüllen.
Seine Durchlaucht, Torben Jandarason, Repa ni Neu-Prêm, hatte dem Kleinadel die Räumlichkeiten seiner Residenz, der stolzen Viermast-Schivone "Iskra", zur Verfügung gestellt. Wie ja allgemein bekannt ist, entfloh die Familie seiner Durchlaucht kurz nach dessen Inthronisation den feuchten, kalten und viel zu großen Gewölben des offiziellen Stadtpalastes, um sich auf dem Schiff niederzulassen. Nachdem dieses als Wrack in den Hafen von Re'Cha geschleppt worden war, wurde es von kundiger Hand wieder so weit instandgesetzt, daß es als ansehnliche Residenz benutzt werden kann. Auslaufen allerdings wird es wohl nicht mehr, und die stolze Galionsfigur, ein Necker mit Dreizack, wird wohl niemals mehr ihre blinden Augen über die Weiten des Herrn Efferd schweifen lassen.
So waren sie an diesem Morgen in großer Zahl versammelt, die Würdenträger des Reiches. Da war zu sehen der düstere Zardek, seine Hochgeboren Thorn M. Margatnep, stets gehüllt in seinen schwarzen Mantel und allzeit bereit als Secha für den Kleinadel in die Schranken zu treten. Der hohe Vertreter des Klerus war der erhabene Abt Boronfried Sá'kurat der Jüngere, welcher trotz seines hohen Alters ungebeugt stand, und wie die eiserne Eiche wohl jedem Sturme die Stirn bietet. Ihn umgaben in schweigender Würde die anderen Adeligen der Kirche, unübersehbar gestählt durch die Ausbildung des Ordens des Hl. Laguan. Stets gerüstet und gewappnet standen sie da: Seine Hochwohlgeboren Ricardo von Grauenberg, ihre Wohlgeboren Dhana Chesaî'ret, stets kniend seine Hochgeboren Rachalton Pâestumai und, barfüßig in Borongefälliger Tracht und Askese, seine wohlgeborene Eminenz Né'mekât Âk-de Sézâr. Welch ein Gegensatz war da ihre Hochwohlgeboren Akilja Algerin - de Cavazo, welche durch ihre in horasischem Schick gewandete, strahlende Schönheit brillierte und nicht minder seine Wohlgeborene Exzellenz, der königliche Schatzkanzler Haniball von Hasenhausen, dessen makellose, höfische Gewandung an keinem der großen aventurischen Fürstenhäuser auch nur die geringste Beanstandung erregt hätte. In die dunkle Robe der Jurisprudenz gewandet, schritt seine Hochgeboren Managarm einher und am Gewande ihrer Hochgeboren Simba Tulaysunja war ihre Verbundenheit mit der geheimnisvollen Satuaria zu erkennen. Ebenfalls anwesend Tapam-Tisa, der Vertreter der Stämme der Waldmenschen, um deren Interessen vor dem Adel zu vertreten. Noch viele andere standen da auf der Kaimauer des Hafens von Re'Cha, flanierten und parlierten in den wärmenden Strahlen des Praios in freudiger Erwartung des nahenden Konvents. Doch plötzlich erhob Falk Arres, hochgeborener Akîb ni Tani Morek und ein gewaltiger Krieger, seine wohltönende Stimme. Weit zu hören war sie und was verkündete sie den erstaunten Anwesenden: Die liebliche Rahja, Schönste unter den Göttern, hatte gesprochen und so war das Herz des Recken in Liebe entbrannt zu ihrer Wohlgeboren Eilynn Ardais. So trat er den hin vor die Angebetete, sank artig auf die Knie und erklärte sich vor dem Angesichte der versammelten Edlen des Reiches. Diese spendeten gerührt Applaus, Hochrufe und Segenswünsche waren zu hören als sich das Paar zum ersten Male in die Arme schloß, nachdem die strahlende Braut die Werbung erhört hatte.
Dumpfes Pochen mit dem Zeremonienstab kündigte nun den Beginn des Konventes an: Am Schanzkleid der "Iskra" erschien der Herold seiner Durchlaucht, und bat die Delegierten, sich bereit zu halten für die Zusammenkunft. Einer nach dem anderen wurde aufgerufen, mit Rang und Titel, getreu der Adelsrolle, und so betraten die Adeligen das Schiff und begaben sich in den Thronsaal des Repa. Wider ertönte das dreimalige Pochen des Heroldstabes und angekündigt wurde Seine Durchlaucht Torben Jandarason, Repa ni Neu-Prêm und Abgesandter ihrer königlichen Majestät, der Nisut, und seine Gattin, Ihre Durchlaucht Donna Isabella Morena la Alcarria Coruña, Hemet-Repa ni Neu-Prêm und Sahet ni Re'Cha. Ahh - welch ein Anblick! Prächtig zu schauen waren sie, als sie durch den Saal schritten: Jeder Zoll ein Ferscht - Verzeihung - ein Fürst! Die Edlen erhoben sich in royalistischer Begeisterung und spendeten spontan Beifall. Nachdem auch der Etikette Genüge getan war und jeder der Anwesenheit seine Ergebenheit bekundet hatte, nahm das Fürstenpaar auf dem erhöhten Thronpodest Platz, nicht ohne vorher bei dem ebenfalls dort thronenden Erhabenen Abt durch eine Verbeugung ihre Verbundenheit und Respekt zu erklären. Nachdem der Saal wieder zur Ruhe gekommen war, stand der Secha Thorn M. Margatnep von seinem Platze auf, begrüßte die Anwesenden und bat Seine Durchlaucht, den Konvent zu eröffnen. Dieser ersuchte zunächst seine wohlgeborene Eminenz Né'mekât Âk-de Sézâr, den Segen des Herren Boron für diese Versammlung zu erflehen, auf daß wohlgefällige Entscheidungen herbei geführt werden mögen. Der geistliche Würdenträger tat dies auch mit der Eloquenz, die alle von ihm kennen und erwartet hatten. Darauf hin begrüßte der Repa die Anwesenden in seinem Hause, ermahnte sie der Einigkeit und Tatkraft und verlas anschließend die Worte der Nisut, heilig, heilig, heilig. Geneigter Leser, entnehmt bitte beides, sowohl die Grußworte des Repa, als auch die Botschaft ihrer königlichen Majestät dem diesen Bericht folgenden Artikel. Nun ausgestattet mit königlichen Vollmachten eröffnete seine Durchlaucht Kraft seines Amtes den Kleinen Konvent.
Nachdem Ihre Hochwohlgeboren Akilja Algerin - de Cavazo, welche gleichzeitig Signora des Horasreiches ist, die Grußbotschaft der Amene Horas an den Kleinen Konvent verlesen hatte, begann, getreulich der ausgearbeiteten Tagesordnung, das Disputieren über die Anträge, die dem Konvent vorgelegt worden waren. Der Secha leitete in der gewohnt souveränen Art die Sitzung und griff immer wieder ein, wenn sich das Plenum von der Thematik der angesprochenen Punkte entfernte. Dennoch kam es zu Zwischenfällen: So gerieten die Vertreter des Klerus und der Abgesandte der Waldmenschen aneinander, wie sich herausstellte wegen eines sprachlichen Mißverständnis, das aber Boron sei Dank geklärt werden konnte. Harte Worte wurden gewechselt und sogar eine Duellforderung wurde ausgesprochen, als seine Hochgeboren Sandil Bonifacis nach Meinung Seiner Hochgeboren Rachalton Pâestumai dessen Haus und Familie, immerhin eine der ältesten des Reiches, beleidigte. Seine Durchlaucht, der Repa, griff mit strengen Worten ein, um zu verhindern, daß blankgezogen wurde. In bezug auf diesen Vorfall brachte der Secha, nach kurzer Absprache mit dem Vezir (dieses Amt wird derzeit von Seiner Durchlaucht bekleidet, der diesen Antrag im Großen Konvent ebenfalls stellen will) folgenden Vorschlag ein: Während der Anreise, der Zusammenkunft daselbst und auf der Abreise wird bei Konventen des Hohen und des Niederen Adels der Konventfrieden ausgerufen, der von niemand gebrochen werden darf. Alle Feindschaft hat zu ruhen, keine Fehde darf fortgesetzt werden, den Teilnehmern ist es untersagt zur Waffe zu greifen. Dieser Vorschlag wurde vom Kleinen Konvent in Ergänzung der Tagesordnung einstimmig angenommen und wird somit dem Cronrat unterbreitet.
Nachdem die Diskussionspunkte der Tagesordnung zur Zufriedenheit aller geklärt waren, konnte nun zur Wahl des neuen Secha geschritten werden. Vorher allerdings wurden die Versammelten Zeugen der Erhebung des Hochgeborenen Managarm zum kommissarischen Croniustiziar. Ihre Königliche Majestät hatte beschlossen, dieses wichtige Amt, das zuvor von Seiner Hochwohlgeboren Garion Eisenfaust bekleidet wurde, nicht länger verwaist sehen zu wollen. Sichtlich bewegt und mit geschliffener Rede dankte der in der Jurisprudenz sehr bewanderte Akîb für diese Anerkennung. Leider mußte seine Hochgeborene Exzellenz, der Croniustiziar, sogleich seines Amtes walten, wie der geneigte Leser unverzüglich feststellen wird.
Als nun der Secha zur Verlesung der Bewerber für das hohe Amt seines Nachfolgers schritt, wurde er nach Nennung ihrer Hochgeboren Phelippa Salmoranes unterbrochen. Seine Durchlaucht, der Repa, der sich erhoben hatte, stampfte mit dem Holzbein auf, daß es knallte, und rief mit donnernder Stimme: "Einspruch! Wir verbieten Kraft Unseres Amtes als Stellvertreter der Nisut in diesem Konvent die Kandidatur der Phelippa Salmoranes. Wir verbieten es so lange, bis die Vorwürfe des Hochverrates, der Aufwiegelung und der Ketzerei vor dem Crongericht geklärt sind!" Die versammelten Adeligen waren wie erstarrt. Solche Vorwürfe gegen eine Person, die um ihr Vertrauen heischte - unglaublich!
Was war geschehen? Der Repa forderte den neubestallten kommissarischen Croniustiziar auf, dem Plenum Erhellung zu bringen. Nun war zu erfahren, daß gleich drei Parteiungen an der vorher verbreiteten Wahlrede der Akîbet ni Ântien'Maret Anstoß genommen hatten, nämlich der Cancelarius, der Repa ni Neu-Prêm und die Kirche. Diese hätten entsprechende Anklagen vorgebracht und somit sei ein Ergreifen öffentlicher Ämter durch die beklagte Person so lange verboten, bis der Croniustiziar seinen Spruch gefällt habe. Dieser kann aber dann nur Freispruch lauten, denn im Falle eines Schuldspruches wären dem Delinquenten, je nach Art des Urteils, diese Ämter unter Umständen weiterhin verwehrt. Auf solche Weise mit hesindianischer Einsicht gesegnet, konnten die Anwesenden die Wahl in ihrem gewohnten Verlauf fortsetzen.
Auf die Ergebnisse des Konventes und dem Ausgang der Wahl werden die werten Kollegen Scribenten anderweitig genauestens eingehen. Nach einem arbeitsreichen Tag konnte dann der Konvent zur Zufriedenheit aller für beendet erklärt werden. Viel war geschehen, Rat war gesucht worden und Rat war gegeben worden, getreu dem Spruch Ihrer königlichen Majestät der Nisut. Vielen war die Strapaze der ungewohnten, weil sehr theoretischen Regierungsarbeit anzumerken. Und so fand der Konvent in einem Festmahl, bei dem seine Durchlaucht auftischen ließ, was Küche und Keller zu bieten hatten, sein willkommenes Ende.

Kanderman Sordenbrack,
Schreiber seiner Durchlaucht,
des Repa ni Neu-Prêm

(Michael Rapold)

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