Es war das Jahr 5 vor der Thronbesteigung ihrer allernisutlichsten Majestät Peri III. als in einer stürmischen Nacht im Monde der Sturmgöttin Nef'karé, die treuherzige Gemahlin des T'aar der Morganor, Neb Ni Nep'amar und Sah Ni Yah'kesen, erneut niederkam. Viele Stunden dauerte die schwere Geburt, denn das Mädchen war groß vom Wuchs und die Nebet Ni Nep'amar klein und zierlich.
Doch beide überstanden alle Schmerzen und am 11. Tage im Freimond der Rondra des Jahres 5 vor Sah Géreh ward Chem'ra geboren! Doch wer aus dem Hause Morganor hätte damals daran gedacht, dass die jüngste Tochter des T'aar ausgerechnet den Sohn des Oberhauptes der Pâestumai ehelichen und so das Haus Morganor unverbrüchlich an die Seite der mächtigen Pâstumai führen würde? Niemand …
Auf der heimatlichen Nep'amar verlebte die kleine Chem'ra eine so friedliche Kindheit, wie sie es in den Dschungeln des Südens selten gibt. Das kühle Meer und die zahllosen in vielerlei Farben blühenden Blüten liebt die Herrscherin auch heute noch sehr und kehrt, wann immer es ihr möglich ist, in die morganor'schen Parks zurück.
Doch wurde dieser Traum aus lieblich zwitschernden Kolibiris und betörend duftenden Orchiden jäh zerstört, als die Al'Anfaner in das Reich einfielen und die Heilige Nisut entführten. Damals zählte Chem'ra gerade einmal 20 Sommer. Hatte die junge Prinzessin des uralten Nep'amar unter der Obhut der eigenen Mutter die Lehren der Familie angenommen, lernte sie lesen, schreiben und all' das, was eine Noble tun muss - so wurde sie nun aus dieser Idylle gerissen von den Klauenhänden der al'anfanischen Schergen.
Anstatt zum Eisen zu greifen und die Waffe für Familie und Reich zu schwingen, bedrängte sie aus Sorge und Furcht um ihren Vater, den T'aar, sowohl ihren Bruder Oboto als auch ihren Oheim Carylio, sie mögen doch irgendetwas tun, um Calzin aus den Fängen der al'anfanischen Ketzer auszulösen.
Oheim und Bruder waren es dann, die das Geld organisierten, mit dem die Sah'kara'asumi, die Leibgarde des T'aars, eben jenen freikaufen konnten.
Es war die Nisut, die in der fernen Wüste das Grauen des Tar Honak beendete und bald schon gelang es den Kemi hier in den innersten Provinzen und auf den Inseln, den Sieg zu erringen. Das Reich der alten Kemi war nun nach einer langen Zeit der Wehen geboren.
War der Krieg schon aufregend genug gewesen, so hielt auch das Jahr 24 Sah Géreh für die junge Morganor etliche Überraschungen bereit. Ihr weiser Vater und der Patriarch der Pâestumai - eine der reichsten Familien des Reiches - waren sich einig geworden über eine politische Ehe zwischen ihr und dem damaligen Herrscher der Táhátya Tárethon - Boronîan Pâestumai. Doch Widerstand regte sich in den Kasten dagegen und so war es ein Katar'rah'osch, das auf Weisung Calzins durchgeführt wurde, welches diesen Bund als notwendig ansah.
Doch kein Wort hielt der T'aar des Hauses für notwendig, seine Tochter zu informieren. Nur eine kleine Notiz wies Chem'ra in diesem Jahr darauf hin, sie solle vor den Großinquisitor treten … Hatte sie auch vergangene Greuel miterlebt, die Schrecken des Krieges überlebt und war sie verantwortlich für die Auslösung ihres Vaters - jetzt aber machte sich Chem'ra auf den Weg nach Khefu, wo sie angsterfüllt vor den Tsa'desch Ram trat, immer wieder sich fragend, was der Grund dafür sei, welche Sünde sie auf sich geladen hatte. Doch nicht eine Sünde hatte sie zu büßen, sondern eine Hochzeit zu feiern. Sie wurde die Gemahlin des Grpßinquisitors Boronîan Pâestumai.
Und nur wenige Monde später gebar Chem'ra ihrem stolzen Gemahl eine Tochter, die erste Tochter. Und nicht einmal zwei Dutzend Monde später folgte dann sein erstgeborener Sohn.
Nesut Nefertari ist der Mutter ganzer Stolz, wohingegen aus dem erst jüngst geborenem Amorus'tá dereinst wohl ein großer Krieger werden soll.
An der Seite ihres Gemahls scheint Chem'ra ihre Aufgabe gefunden zu haben. Überall im Volk Tárethons wird sie "die großherzige Hemet" genannt. Ihr Gemahl, Seine Erhabene Hochwürden Erlaucht Boronîan Varzim Pâestumai ist von strenger Art, hart, aber gerecht. Er ist das Schwert des Glaubens, der Kirche des Alleinseligmachenden Raben. Doch seine Gemahlin, Erlaucht Chem'ra ist die Güte und Milde an seiner Seite, nicht das Schwert. Ihre Herzensgüte, aber auch ihre Bildung und Opferbereitschaft sind es, die sie auszeichnen. Alles ist sie bereit zu tun, um den Räblein der Kirche zu helfen.
Dass gerade Chem'ra erwählt wurde, diesen gewaltigen Schritt für die Familie zu machen, verwundert nicht. Die Hemet ist streng borongläubig. Spricht man der ganzen Familie Morganor einen nicht so intensiven Glauben an den Heiligen Raben zu, so ist Chem'ra doch diejenige, in deren Herzen der Götterfürst den leidenschaftlichsten Glauben findet.
Doch es war ein Leidensweg, den Chem'ra beschritten hatte und er begann damit, dass sie vor den Großinquisitor zitiert wurde. Geboren als Tochter aus edlem aber verfallenden Hause war sie doch eine Frau, in der die Angst gärte. Sie wurde sprichwörtlich "ins kalte Wasser" gestoßen, denn mit den Gedanken daran, welche Sünde sie zu verbüßen hatte, machte sie sich auf zu ihrer Hochzeit. Und von einer "Sünderin" wurde sie zur Herrin an des Boronîan Seite. Chem'ra fürchtete sich sehr und stets verschloss sie die Vorhänge ihrer Sänfte vor den Blicken der stolzen Bürgerinnen und Bürger, stets verschloss sie ihre Ohren vor den Stimmen der Kemi.
Doch niemand genießt das Vertrauen ohne selbst seine Stärke zu spüren. Und ja … Seine Erhabene Hochwürden Erlaucht brachte dieser herrschaftlichen Frau Vertrauen entgegen, die doch ein verängstigtes Häschen war aber folgsam seinen Wünschen und Befehlen ohne Widerspruch gehorchte. War sie auch groß und standen ihr edle Züge im Gesicht, so spiegelten die Augen und der Mund, ja die ganze Haltung die Angst wider, die Chem'ra empfand. Doch von diesem Innersten seiner Gemahlin nahm der damalige Hátyá keine Notiz, denn seine Gemahlin musste stark sein oder untergehen …
Und Chem'ra wuchs. Es dauerte viele Monde, doch die Hemet reifte an ihren Aufgaben und erstarkte.
Heute hat sie sich merklich verändert. Steht ihr Gemahl für Strenge, aber auch Gerechtigkeit, so ist sie mild und liebevoll, hilfreich und mütterlich. Nachsichtig ist sie nicht, denn Borons Auge sieht alles und führt jeden seiner Strafe zu … doch Nachsicht und Milde sind nicht dasselbe. Nicht für sie, die Milde, aber nie Nachsicht von ihrer Mutter Nef'karé erfahren hat.
Ist ihr Gemahl das Schwert Kemis, die eiserne Faust, so ist sie das Herz an seiner Seite, ein Herz, das für jeden Kemi schlägt und fühlt.
Heute versteckt sie sich nicht mehr hinter schweren Vorhängen, heute zieht sie nicht mehr ihren schützenden Schleier wie einen Unsichtbarkeitsspruch über ihr Gesicht - sie winkt den Menschen auf den Straßen Khefus und Tárethons, sie lächelt ihnen zu … und sie steigt aus ihrer Sänfte, um mit ihnen zu sprechen.
An der Seite Boronîans reifte sie und nicht mehr das scheue Hündchen ist sie, nicht mehr eine Frau des Hauses Morganor. Sie ist Chem'ra User'máat'amûn Pâestumai-Morganor, Hemet des großen Boronîan…
Die herben Züge, der lächelnde kirschrote Mund, die funkelnden, dunklen Augen - all das zeichnet sie aus. Und wer Nef'karé kennt, der Hemet Mutter, der weiß woher Chem'ra dieses Gesicht hat…
Groß ist die Hemet, groß für eine Kemi, doch klein gegenüber ihrem Gemahl. Ihr Körper ist schlank und wirkt noch graziler durch ihre Größe. Das Haupt hocherhoben, die Augen stolz und doch sanftmütig, wie man es nicht unbedingt von der Ehefrau des Großinquisitors erwartet, blickt die Hemet ein Gegenüber an. Das Braun ihrer Augen ist eher schon ein Grün, wie es Oliven zeigen, schillernd, als sei gerade frischer Tau auf die Olive niedergegangen.
Das Haupthaar wallend, nachtschwarz glänzend fällt es ihr in prachtvollen, herrschaftlichen Locken und Wellen bis zur Hüfte hinab. Stets schlicht und doch kunstvoll frisiert, gebändigt durch einen Stirnreif oder zarte Bänder muss es für die Hemet eine Freude sein, es zu tragen.
Mag so mancher auch vermuten, edelste Stoffe und schönste Farben würden an der Landesmutter Tárethons wunderschön anzuschauen sein und mutmaßten die Schneider der Hauptstadt auch schon gute Geschäfte bei ihr, so tat Chem'ra nicht das, was solche Personen von ihr erwarteten. Nach dem Wunsche des Gemahls borongefällig schlicht sind ihre Kleider aus Leinen und dünnem Leder. Geschnitten nach Art der alten Kemi und gehalten im Schwarz wie die Raben vom Vulkan Záw es tragen.
Boronîan, Hátya Tárethons, Großinquisitor des Reiches und Erbe einer der ältesten Sippen der Kemi und an seiner Seite Chem'ra, Tochter einer der ältesten Sippen der Kemi - ein Paar, wie es den Bund des alten Blutes nicht besser symbolisieren könnte.
Chem'ras Glaube ist stark, der Heilige Rabe wird immer mit ihr sein, wenn sie IHN nur in höchsten Ehren hält. Dies ist SEIN Reich und es ist ihr immer schon ein Dorn im Auge gewesen, dass so viele Ungläubige - ja, Ungläubige und nicht Irrgläubige - in höchsten Ämtern hockten und SEINER spotteten. Die Hekátet, der Kanzler, der Hátya Ni Mer'imen … sie alle waren wie auch viele Akîbs und Sahs Anhänger lästerlicher Religionen. Und das hieß Chem'ra nicht für gut. Ihr Wunsch war es seit jeher, dass nur Treue Gläubige des Götterfürsten Boron in SEINEM Land Macht in den Händen halten durften, und so waren ihr die ersten Reformen der Nisut sehr willkommen. Auch in dieser Hinsicht folgte sie ihrem Gemahl ganz so, wie dieser es wünschte.
Jetzt schritt die hochgewachsene Tochter des T'aar herrschaftlich mitsamt ihre kleinen Gefolges hinter Suhi her und fühlte eine innere … ja, eine innere Zerissenheit. Hier war sie die Tochter des T'aars, Mitglied der Het'krah und doch gehörte auch dieser schönste Flecken Deres, der uralte Stammsitz der Morganor, der Nep'amar zum Lehen ihres Gemahls und ihr. Chem'ra schüttelte den Kopf und die seidigen Locken ihres wallenden Haupthaares flogen um ihr Gesicht. Sie lächelte über diese merkwürdigen Gedanken.
Wie lange war sie nicht mehr hier gewesen? Seit etlichen Monden sicher. Ja, denn nach der Geburt ihres jüngsten Kindes war sie nicht mehr aus Khefu heraus gekommen. Die Arbeit hatte sie festgehalten. Jetzt, da ihr Gemahl im fernen Mer'imen weilte und dort den aufmüpfigen Hátya maßregelte, und sein Ser, der treue Boraidan an seiner Krankheit zehrten da war es an ihr, Tárethon zu regieren. Und sie tat es mit Vertrauen auf den Heiligen Raben! Nicht mehr die Angst vor der Öffentlichkeit bestimmte ihre Gedanken, wie so manches Jahr zuvor. Leidenschaftlich ballte sie die Fäuste.
Ihre Gedanken glitten wieder in die Ferne. Hátya Boronîan Varzim Pâestumai, Vater ihrer beiden Kinder, hatte die dringliche Aufgabe übernommen, die Anhörung des jungen Hátyas von Mer'imen selbst vorzunehmen. Es musste sein, das WUSste Chem'ra, doch musste er unbedingt diese Mara Boronstreu Tem'kat mitnehmen? Ihr konnte man doch nicht vertrauen, dachte Chem'ra. Auch wenn sie eine Priesterin des Raben war und die Hemet-Hátya ihr aus diesem Grunde Respekt entgegenbrachte, so war sie ihr als Person unsympathisch. Im selben Atemzug beruhigte sie sich jedoch selbst, denn sie WUSste, bei seinen Zer'Nimut-Rittern war er sicher.
"Herrin?" schreckte sie die Stimme der Dienerin aus ihren Gedanken. Chem'ra nickte ihr zu. "Wir sind da, ich werde Euch melden …" Mit diesen Worten öffnete sie die schwere Tür des Saales - schon oft hatte Chem'ra hier Ratsversammlungen miterlebt ( na ja, belauscht würde es besser treffen ) - und schlüpfte hinein.
von Nils Mehl